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Auf dem
Parkplatz des BMW Parks in München stehen gar viele Autos
und doch ist der Name nicht wirklich Programm, stehen doch
diverse Autos hier herum, die keine BMWs sind. Es stehen sogar
einige Autos herum, die zur aussterbenden Spezies der VWs
gehören. Das Duo unseres Interesses ist jedoch weder mit
einem BMW noch mit einem VW hierhergekommen, sondern per Fahrrad.
Soll heißen automatisches Schenkeltraining, Wrestling ist
und bleibt ein Sport des Looks und man will in Form bleiben. Dann
wiederum will man das ja eigentlich eh, so schwierig es auch ist
wenn gerade ein Fest ist und allerlei Köstlichkeiten im
Konsumrausch dargeboten werden und verspachtelt werden wollen.
Und doch, sie ist in Form. Sie, die für gewöhnlich
durch ihre rosarote Bezopfung und ein Leopardenhalstuch leicht
wiederzuerkennen ist – und noch einfacher am Stoffschwein
unter ihrem Arm: Monica Shade, die seit Anfang des Jahres in der
GFCW Galaxy herumlaufende Dame mit Hauptvertrag bei WFW.
MacMüll: Das klingt jetzt etwas so als wäre dir der Intercontinental Title nicht gut genug. Schon etwas frech, findest du nicht?
MacMüll: Okay. Was hast du denn sonst vor? Ein Rematch gegen Aiden Rotari kriegst du ja offensichtlich nicht. Monica Shade: „Und ein Match gegen Luna auch nicht. Schätze nachdem bei ihrem WFW Gastspiel sogar die in der Dauerkrise befindlichen Damen von Frost Moon noch gute Gegenwehr leisten konnten, hat sie erkannt wie überschätzt sie sich hat und macht grad ne große Trainingssaga Off Screen. Na ja das oder sie hat mit Wrestling ganz aufgehört, sich an ner Zigarette verschluckt oder hat sich in einer Leviathan Party ins Krankenhaus geklatscht, ist ja bei ihr alles denkbar. So oder so: auch sie steht mir für ein Match nicht zur Verfügung und das Switziverse war grad erst. Wer bleibt also noch, um mich für ein World Title Match anzubieten?“
Monica Shade: „Na komm, MacMüll, einen Namen gibt es, auch ohne Leviathan. Solltest du kennen.“
Monica Shade: „Ja klar, wen auch sonst?“ MacMüll: Ist der denn überhaupt da? Ich zumindest hab ihn bisher nicht gesehen. Monica Shade: „Muss ich ihn halt suchen. Sind ja genug Bäume rings um den BMW Park für ihn zum chillen.“
Monica Shade: „Tja, das werde ich nicht herausfinden, indem ich mit dir quatsche, MacMüll. Ich muss also los.“ MacMüll: Tja, gutes Gelingen und so...
...oder?
Ein Raum. Vier Wände. Bilder an der Wand. Zwei Stühle. Ein Tisch.
Das ist er, DER Raum. Der Raum, in dem ER lebt.
Seit drei Monaten.
Daniel van Konop, * 31.12.1990
Auf einem der Stühle sitzt er, der eben genannte. Der noch vollkommen wild ist, von dem Anruf, der ihn vor wenigen Minuten erreichte und von dem er sich kaum vorstellen kann, dass er wirklich passiert ist. Doch, ist er. „Er“ will „ihn“ sprechen. Jemand, der sein Leben durchaus mit bestimmt hat. Mit dem er zwar nicht aufgewachsen ist, aber viele Momente geteilt hat, wenngleich viele davon nur indirekt gewesen sein mögen.
Aber: Was wird ER wollen? Wird ER ihn schelten, weil er sich so hat gehen lassen? Weil er in diesem Sumpf gelandet ist, aus dem er kaum herauszufinden in der Lage ist?
Es rattert im Hirn des Mittdreißigers, der eine so glorreiche Karriere hätte haben können. Was hatte er gesagt, wo er ihn treffen wollte? Oder war das andersherum? Er war sich nicht sicher.
Jerry würde eine Antwort wissen. Jerry nämlich hatte die einzige Bar in diesem kleinen Kaff, in dem er gelandet war, seitdem er sich aktiv mit diesen Problemen herumschlug. Es hatte einige Überwindung gekostet, IHM mitzuteilen, wo er abgestiegen war. Schlussendlich aber schien es IHM nichts auszumachen, sodass Jerry's & Jerry's für das Treffen herhalten sollte.
Schnitt
Die Spelunke in der kleinen Straße, die keinen Namen hat. Jerry's & Jerry's wurde vor zwanzig Jahren von einem ehemaligen Knacki übernommen, der – Überraschung – Jerry heißt. Der sieht auch genau so aus, wie man sich einen Knacki-Jerry eben vorstellt. Nahezu hünenhaft, mit locker hundertsechzig Kilogramm gesegnet und mit einem Antlitz, gegen das selbst ein nördlicher Seeelefant als wahre Schönheit durchgehen würde.
An einem der Tische in der hinteren Reihe sitzt er, Daniel. Die leicht rötlichen Haare sind auf der fast kahlrasierten Matte kaum zu vernehmen, das Gesicht aufgedunsen und voller wenig ansehnlicher Pickel. Hygiene ist offenbar eher ein Thema für die anderen, nicht für ihn. Vor ihm auf dem Tisch steht ein Glas Cola, direkt daneben liegt ein angenagter Burger. Die Uhr zeigt zehn nach zwölf Uhr, um zwölf wollte ER erscheinen. Daniel wirkt angestrengt, hampelt ein wenig auf seiner Sitzbank herum und wäre am liebsten am Tresen, um sich dort einen schmutzigen Harald einzuverleiben. Doch er hat sein Wort gegeben, dass er in einem Zustand sein wird, in dem er IHM wenigstens zuhören kann.
Und dann passiert es. Die Tür der leicht versifften Räumlichkeit öffnet sich.
Und, wie findige GFCW-Fans es schon länger vermutet haben, tritt ER tatsächlich ein: es ist Oberpollings liebstes Kind Jason Crutch! Es mutet an, dass es draußen herbstlich ungemütlich ist, denn der Kragen der wärmenden Armee-Jacke ist hochgeschlagen und die Hände in die Jackentaschen vergraben. Hinter der Tür, aber schon in der Kaschemme, bleibt der amtierende Intercontinental-Champion stehen und wirft zunächst suchende Blicke ins Rund. Und dann hat er Daniel erspäht. Er schluckt, scheint zu überlegen. Dann murmelt er lediglich ein Wort vor sich hin, für uns nicht hörbar, aber wir wissen: dieses Wort ist „Fuck“. Der Kopf sinkt für zwei, drei Sekunden resignierend auf die Brust. Die Augen geschlossen, denkt er noch einmal nach. Dann hebt er den Kopf. Entschlossen. Und geht auf Daniels Tisch zu, die Hände immer noch in den Taschen vergraben.
Daniel blickt hoch, erspäht seinen…Freund? Weggefährten? Onkel? Bruder? Ja, was eigentlich? Wahrscheinlich von allem etwas. Aber ist das auch nach all der Zeit noch so? Nach der Alex-Sache. Nach der Tyler-Sache. Nach der…JBD-Sache…? Daniel erblickt ihn also. Der glasige Blick flirrt, das fällt zumindest Crutch und auch uns auf. Dann senkt er sich wieder, fixiert den Burger. Die zittrigen Hände heben das Fastfood hoch, führen es zum Mund, lassen diesen saftig hineinbeißen. Und aufgrund der Tatsache, dass der Bissen vom Mund zerkaut wird, ist das…
Daniel: „Du kommst spät…“
…nicht so klar vernehmbar, wie es normal sein sollte.
Daniel: „So. Ich bin hier. Du bist hier. Was hast du mir zu sagen?“
Der amtierende Intercontinental-Champion bleibt immer noch stehen. Zögernd blickt er sich um. Da ist niemand, der sie beobachtet. Sie scheinen niemanden hier zu interessieren. Erst jetzt setzt sich Crutch, zieht die Handschuhe aus, stopft sie in die Jackentasche, schlägt den Kragen nach unten. Es vergehen einige Sekunden, die wie Minuten anzudauern scheinen. Dann öffnet JC den Mund:
Jason Crutch: „Es tut mir leid…“
Das…war es? Das war es, was Crutch zu sagen hatte? Ein schlichtes „es tut mir leid“? Daniel scheint ebenso verwirrt, wie wir alle. Ehe er aber etwas antworten kann, wird er von der leicht gehobenen Hand Crutchs, die ihm bedeutet, innezuhalten und abzuwarten, unterbrochen.
Jason Crutch: „Ich habe dich angerufen. Ich wollte mit dir reden. Also…lass mich bitte erst reden.“
Daniel gehorcht.
Jason Crutch: „Es tut mir leid, dass ich mich lange Zeit nicht bei dir gemeldet habe. Während meiner Karrierepause hatten du und ich kaum Kontakt. Ich habe speziell dich und Tyler…alleine gelassen. Mit euch. Mit eurem Schmerz. Nach Johns Tod…Es…“
Nun hält er inne. Es scheint ihn auch nach all den Jahren nach wie vor innerlich aufzufressen, wenn er über den verstorbenen Freund/Trauzeugen/Taufpaten seiner Kinder spricht.
Jason Crutch: „Dein Dad hat mir alles bedeutet. Wir waren Freunde. Wir sind unseren Karriereweg in der GFCW im Grunde fast gleichzeitig von Anfang an immer irgendwie gemeinsam gegangen. Wir haben uns beruflich und privat gestützt. Ich war immer da, wenn es bei euch Probleme gab, so wie er immer da war, wenn es bei mir privat oder auch beruflich Probleme gab. Und du und ich: wir waren beinahe Tag-Team-Champions. Wir haben unzählige Male Seite an Seite gekämpft. Aber nicht nur das: zum Teufel, du und ich, wir haben sogar um den Intercontinental-Championtitel gekämpft – und du hast mir das Gold abgenommen. Das Gold, das ich jetzt, nach all diesen Jahren, wieder um meine Hüften trage. Es gibt niemanden in der GFCW, aktiv oder inaktiv, der mehr Gemeinsamkeiten hat als dein Vater und du – und ich. Du, ich, Tyler – wir waren dereinst die Raging Protection Crew. Wir…hatten alles!“
Die Pause. Die Crutch-Pause. Sie muss sein. Sie muss hier UND jetzt sein. Zuvieles wurde gesagt in den letzten paar Sekunden. Zuvieles, was zuviele Gefühle hochruft. Erinnerungen. Und es scheint, als würde das Gesagte bei Daniel ein Lächeln entlocken. Der Begründer der Crutch-o-Mania setzt aber fort.
Jason Crutch: „Und ich mache mir schreckliche Vorwürfe, dass das, was mit dir und Tyler passiert ist, zu einem großen Teil meine Schuld ist. Wäre ich da gewesen für dich, für ihn, für Alex, gerade nach dem Tod eures…Dads…Hätte ich versucht, für euch dazu sein, wer weiß? Vielleicht wäre all das nicht geschehen. Mit dir. Mit Tyler…“
Er schluckt fest, blickt Daniel dann ebenso fest in die Augen.
Jason Crutch: „Ich hätte für dich da sein sollen. Ich war es nicht. Und es tut mir leid.“
Es folgt: Stille. Daniels Blick scheint den Begründer der Crutch-o-Mania für einige Momente förmlich zu durchbohren und auch, wenn das hier keine Kraftprobe, kein Duell zweier Alphatiere ist, so senkt doch einer schließlich den Blick. Und es ist nicht Crutch. Inzwischen hatte Daniel viel Gelegenheit, den Burger fertigzukauen und kann sprechen, ohne dass man ein Übersetzungsprogramm bräuchte. Und für das, was er in den letzten Wochen, Monaten, ja fast Jahren durchmachen musste, klingt die Stimme immer noch erstaunlich klar, auch wenn man merkt, dass ihm eben dieses – das Sprechen – inzwischen um einiges schwerer fällt als früher. Als Crutch sowieso.
Daniel: „Ich....“
Daniel: „Danke, dass du gekommen bist. Jason, um ehrlich zu sein.... deine Worte berühren mich. Sie kratzen an etwas, das tief, sehr tief vergraben in mir liegt. Und ich muss sagen, dass....“
Daniel hält inne, denn Jerry gesellt sich zu den beiden, merkt aber nach wenigen Momenten, dass die Frage nach Getränken – und somit Umsatz – nicht wirklich gewünscht ist und zieht nach einem einheitlich bösen Blick beider Männer wieder Leine. Daniel seufzt und versucht, noch einmal anzusetzen.
Daniel: „Wie ich sagte....deine Worte bedeuten mir viel, aber sieh mich an. Ich sehe aus wie ein zu heiß gewaschenes Zwergplumplori, das man auf Anabolika gesetzt und dann durch die Melkmaschine gejagt hat. Oder anders: Ich bin ein Wrack, Jason. Das zu erkennen bedarf nicht einmal eines besonderen Blickes. Aber du trägst daran keine Schuld, die trage ganz alleine ich. Also hast du keinen Grund, zu sagen, dass es dir leid tut. Aber du wirst auch nicht deshalb hier sein, oder? Weil wenn's nur das ist, sag ich dir ganz ehrlich, möchte ich dass du gehst. Weit weg, möglichst weit.“
Daniel versucht, böse zu gucken, doch was Jerry gegenüber reibungslos funktioniert, klappt gegenüber dem Freund, dem Kumpel, dem Jason einfach nicht. Also ablenkend in den Burger gebissen. Und gekaut. Crutch aber verzieht keine Miene.
Jason Crutch: „Ich werde nicht gehen. Nicht noch einmal. Nicht schon wieder.“
Das Gesagte unterstreicht er kopfschüttelnd.
Jason Crutch: „Ich bin gekommen, nicht nur, um mich zu entschuldigen. Sondern um das, was passiert ist, wieder gut zu machen. Zumindest soweit, wie es sich gutmachen lässt. Dich aus diesem Loch herauszuholen. Aus deinem seelischen Loch. Aus deinem körperlichen Loch. Das, was du jeden Morgen im Spiegel ansiehst, Daniel, bist nicht du. Ich sage dir nichts neues. Alles, was ich dir sage, alles, was ich dir sagen KÖNNTE, weißt du selbst. Dumm bist du schließlich nicht. Alles, was dir fehlt, ist ein ‚Hallo, wach‘. Und ich bin hier, um dir entgegenzuschreien: HALLO, WACH! Denn im Gepäck habe ich einen Anreiz. Die einmalige Chance, von Null auf Hundert zu gehen. Ein Match um das zweithöchste Gut der GFCW: den GFCW-Intercontinental-Championtitel!“
Und Crutchs Augen leuchten. Ein Strahlen erfüllt beinahe sein Gesicht und er breitet gar leicht die Arme aus, als hätte er gerade die SOFORTIGE und UNMITTELBARE Lösung zum Stopp des Klimawandels erfunden. Als hätte er das Ei des Kolumbus ausgebrütet. Als hätte er gerade enthüllt, wer Kennedy WIRKLICH getötet hat. Und ebenso erwartet er die entsprechende euphorische Reaktion seines Gegenüber. Doch stattdessen hört Crutch die metaphorischen Grillen zirpen. Nachdem Daniel aber lediglich mit einem Aufstoßen (verursacht durch den Burger) reagiert, versucht Crutch es nochmal.
Jason Crutch: „Daniel…du verschwendest dein Leben. Du verschwendest dein Talent. Du musst dich rauswinden aus der Kacke, in der du sitzt. Und ich bin hier, um dir zu helfen. Bald findet ein weiteres Jason Crutch Invitational statt. Die oder der Sieger erhalten bei Title Night die Chance, gegen mich um den Intercontinental-Championtitel anzutreten. Verstehst du? Von Null auf Hundert! Raus aus der Scheiße, raus aus dem Mist – auf den Thron! Reite mit mir, Daniel! An meiner Seite! Einmal mehr. Daniel und Jason Crutch – gemeinsam im Invitational!“
Gut, dass Daniel schon zuende geschluckt hat, sonst hätte er sich jetzt verschluckt und wäre möglicherweise an den Resten des Burgers innerlich verreckt. Zumindest das bleibt ihm und Jason erspart, dessen Worte in seinem Kopf nachhallen, als habe da jemand ein Dauerecho eingepflanzt mit einer Melodie, die man sich anhören MUSS....gut, in dem Fall ist es nur die liebliche Stimme des schier junggebliebenen Mittvierzigers vor ihm, aber immerhin: Daniel hat offenbar zugehört. Kurz schaut er ratlos zu Jerry, aber der wird ihm nach der Abfuhr vor wenigen Momenten auch keine Hilfe sein. Aber vielleicht muss er das ja auch gar nicht.
Daniel: „Als ob!“
Kurz scheint unklar, was Daniel damit meint. Zumindest wirkt der Blick ziemlich empört und die Augen gehen davon aus, dass Jason ihn schlicht veräppeln will. Andererseits kennt er den Dude seit mittlerweile über zehn, ja mehr Jahren und weiß, dass der in der Regel alles so meint, wie er es sagt. Also dröselt Daniel langsam auf.
Daniel: „Du sagst, es gibt ein weiteres Jason-Crutch-Invitational?“
Crutch nickt.
Daniel: „Und der Sieger fordert den Intercontinental Champ, also dich, heraus?“
Crutch nickt.
Daniel: „Und als Krönung der ganzen Sache, willst Du, dass ich teilnehme, ja?“
Wieder nickt Jason Crutch doch muss im gleichen Moment auf einen mit dem Kopf leicht schüttelnden Daniel blicken.
Daniel: „Hör zu. Das ehrt dich zwar, aber schau dir meine letzten Matches im unabhängigen Bereich an. Das war nix. Ich hab's in einem Fall nicht einmal zum Ring geschafft. Glaub mir, die Erkenntnis ist nicht schön, aber eine Hilfe wäre ich dir möglicherweise dabei kaum.“
Daniel seufzt hörbar, hat doch im Innern der Kampf der zwei Seelen längst begonnen. Dann aber hellt sich der Schirm namens Gesicht für einen Moment auf.
Daniel: „Wer ist denn noch dabei?“
Wer noch einen Beweis brauchte, dass Daniel derzeit in seiner eigenen Welt und fernab jeglicher GFCW-Show lebt, hat ihn hiermit erhalten.
Jason Crutch: „In unserem Team ist Tommy Qurashi. Ferner eine Legende – seines Zeichens wohl ein ehemaliger Intercontinental-Champion -, die Dynamite aber erst noch verkündet und…“
Die Frage nach den Teammitgliedern musste ja kommen. Und gerade in Bezug auf diese eine Person in seinem Team war ihm durchaus mulmig, wenn er diese gegenüber Daniel erwähnen muss – wenn man die Vergangenheit dieser mit seinem Bruder Tyler betrachtet…
Jason Crutch: „…Tsuki Nosagi von den Hasen…“
Jetzt zuckt Daniel. Genauer zuckt die Augenbraue, sofern man sie denn überhaupt erkennt. Man merkt, dass Daniel der Name Tommy Q überhaupt nichts sagt und auch, dass es ihn vielleicht ein wenig unzufrieden zurücklässt, den Namen des IC-Champs nicht zu kennen, den Jason da als Legende anpreist. Auch wenn da einige gute Kandidaten im Köcher sein dürften.
Dann aber nennt Jason den letzten der Teilnehmer die bekannt sind – und sieht erneut einen brauenzuckenden Daniel. Die Zähne des van Konops knirschen hässlich, als er sich an den Träger des Namens erinnert. Immerhin ergibt sich daraus nicht sogleich eine hassverzehrte Fratze, aber als Lockvogelangebot geht das definitiv für ihn nicht durch.
Daniel: „Ich sehe, ich sehe.... ich glaube nicht, dass ich da sonderlichen Mehrwert biete, Tsuki mal ausgenommen. Generell außer dir niemanden, den ich kenne und schätze.... und andererseits ist genau das ja auch etwas, das das JCI über die Male ausgezeichnet hat. Ich bin ehrlich....ich weiß nicht, ob ich mir das zutraue. Stand heute definitiv nicht.“
Fast sieht er ein wenig traurig aus, als er Jason da so ansieht, aber eine Absage war das ja zumindest mal nicht. Und Crutch lässt das auch erst einmal so sitzen. Man merkt ihm aber die Verbissenheit an – und auch er scheint mit den Zähnen zu knirschen. Dann sagt er – und er knurrt fast:
Jason Crutch: „Wo ist dein Respekt gegenüber anderen Athleten geblieben? Wo ist dein Zutrauen geblieben? Wo zum Teufel bist du hingegangen, Daniel? Huh?“
OK. Diese Reaktion von Crutch hätte man nicht erwartet. Denn sein Mitleid, das er zuvor durchaus hatte, ist wohl eher Wut gewichen. Oder…einer Art wütender Enttäuschung? Und Daniel scheint ebenso überrascht zu sein.
Jason Crutch: „Weißt du, Daniel: am liebsten würde ich jetzt aufstehen…“ Jason Crutch: „…dich am Kragen packen…“ Jason Crutch: „…über den Tisch ziehen…“ Jason Crutch: „…und dich verprügeln wie einen ungezogenen, frechen kleinen Bengel…!“
OK – das ist wohl das mieseste Verkaufsgespräch, der schlechteste Anwerbungsversuch, das schlimmste Vorstellungsgespräch, das man sich vorstellen kann. Eben noch als Bittsteller gekommen, hat sich aufgrund Daniels herablassender Reaktion auf Crutchs Angebot Schrägstrich Vorschlag schlagartig alles geändert.
Jason Crutch: „Doch das wiederum verbietet mir MEIN Respekt gegenüber dir. Weißt du, wo ich noch war, bevor ich mich auf den Weg hierher gemacht habe? Ich habe deinen Vater besucht. Ja, ich war bei JBD. An seiner letzten Ruhestätte. Und ich habe ihm versprochen, dass ich dich aus diesem Morast deines Selbstmitleids herausholen werde. Ich werde nicht zulassen, dass du so zugrunde gehst, Daniel.“
Er starrt ihm so tief in die Augen, als würde er ihm direkt in die Seele blicken wollen. Und so verharren beide Männer wieder für einige Sekunden, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Dann erhebt sich Crutch mit einem Mal vom Tisch.
Jason Crutch: „Du bist mehr wert, als das hier – sorry, Jerry.“
..sagt er, in Richtung des Barkeepers gewandt.
Jason Crutch: „Selbst wenn ich hier bin, um dir die einmalige Chance auf den Intercontinental-Championtitel zu bieten, um dich aus der Scheiße rauszuziehen, ist und bleibt es deine Entscheidung, ob du diese Gelegenheit wahr nimmst oder nicht. Du sollst es nicht für mich tun, Daniel. Du sollst es nicht für deine Fans tun, oder um Tyler oder Alex etwas zu beweisen. Zum Teufel, du sollst es nicht einmal für deinen Vater Johnboy Dog oder um den Namen eurer Familie zu liebe tun!“
Er zieht seine Handschuhe an und schlägt den Kragen wieder hoch.
Jason Crutch: „Du sollst es verdammt nochmal für DICH tun!“
Er verharrt noch eine Weile so und beide Männer schweigen. Crutch verlässt den Tisch, hält nach einigen Schritten inne und wendet den Kopf, ohne sich umzudrehen, in Richtung Daniel.
Jason Crutch: „Du musst jetzt nicht antworten. Aber ich ERWARTE, dass du zum JCI auftauchst. Du wirst mich…nein: du wirst DICH nicht im Stich lassen. Du wirst das richtige tun, Daniel. Ich weiß es einfach…“
Und er geht, verlässt die Spelunke.
Daniel sieht ihm nur hinterher, nachdenklich. Versonnen. Aber vielleicht auch.... angefixt?
Fadeout.
Es ist Halloween…wir sind in München. Tatsächlich ist das Wetter für diese Jahreszeit herbstlich schön. Die Abenddämmerung hat den BMW-Park eingenommen. Schaurig schön liegt die Arena unter der dunklen Decke der drohenden Nacht. Der Vorplatz der Halle ist über und über mit Kürbissen und schaurig schöner Dekoration geschmückt. Halloween hat auch die GFCW im Griff. Viele der Fans die sich vor der Halle aufhalten sind ebenfalls kostümiert gekommen. Der künstliche Nebel verstärkt die Grusel Atmosphäre. Alles scheint angerichtet für einen perfekten Abend…als plötzlich Stimmenwirrwarr die Szene einnimmt. Es wird lauter und unruhiger vor einem der Stände mit Merchandising Artikel. Die Traube von Menschen die sich an den Stand drängt wird größer und größer. Es bedarf einiger Überzeugungsarbeit des Kamera Teams sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Der Nebel der sich um die Füße der Menschenmenge legt ändert seine Farbe. Er wird…
Pink…
Als das Kamera Team freie Sicht hat erkennen wir das sich direkt vor dem Merchandise Stand zwei Personen eingefunden haben die wir seit Wochen nicht gesehen haben. Tsuki Nosagi und El Metztli. Die Fans halten einen gewissen Abstand. Aus Respekt? Aus Angst? Aus Sicherheit? Wer weiß. Die Hasen tragen weder ihre Masken oder Gesichtsbemalung. Auch die Hasenohren zieren nicht ihren Kopf. Fast schon schlicht elegant kommen die beiden daher. Einzig der pinke Plüschschal zeigt das da immer noch die gewisse Portion Hase in den beiden steckt. Die Köpfe leicht gesenkt lässt erahnen das es den beiden nicht gut geht. Langsam arbeitet sich das Kamera Team an die beiden heran.
Tsuki Nosagi: „Wir hatten sie…sie waren unser…und nun? Schau dir das an Metztli…“ El Metztli: „Eine Schande…Gottloser Frevel der da veranstaltet wurde…“ „Völlig verständlich was Aya da gemacht hat.“
Ein Fan gibt einen unliebsamen Kommentar von der Seite ab. Er erhält einige Zustimmung der Fans die bei ihm stehen. Tsuki Nosagi dreht sich langsam zu ihm um.
Tsuki Nosagi: „Verständlich?“ „JA…die Tag Team Szene ist tot. Aya hatte keine Gegner. Selbst sein Partner war ihm eine Last.“ El Metztli: „Die Tag Team Szene ist tot? Glaubst du das wirklich?“
Der Fan nickt.
El Metztli: „Dann verschwinde. Dann glaubst du nicht an die GFCW. Dann glaubst du nicht an uns.“ Tsuki Nosagi: „Die letzten Wochen waren hart. Sie waren verdammt hart. Hat Aya Recht das es nicht rosig aussieht. Absolut. Hat Aya Recht damit das die Gürtel keinen Wert darstellen? Vielleicht.“ El Metzli: „Das wir nicht da sein konnten hatte Gründe. Das wir gefehlt haben und ihm nicht die Gegner waren die wir sein wollten ist kein selbst gewähltes Schicksal.“ Tsuki Nosagi: „Das er die Gürtel abwertet indem er sie in die Tonne schmeißt. Ist sein gutes Recht. Er ist der Tag Team Champion.“ El Metztli: „Das er nicht an die Tag Team Szene glaubt ist eine logische Schlussfolgerung aus dem Verlauf der letzten Wochen und Monate. Somit haben wir sogar Verständnis für seinen Schritt.“
Die Fans um sie herum hören andächtig zu. Fast wie bei einer Messe stehen die Fans um die Hasen herum. Angst gegenüber dem ungewissen und mystischen was die beiden das ganze Jahr über umgab ist verschwunden. Gebannt hören die Fans den beiden zu. Das was sich vor ein paar Wochen angedeutet hat…ein Sinneswandel der beiden…ist spürbar geworden.
El Metztli: „Haben wir Respekt vor seiner Entscheidung?!“ Tsuki Nosagi: „JA. Eindeutig. Er geht einen radikalen Schritt in dem er sagt er will kein Tag Team Champion ohne Gegner sein. Er steht zu dem was er sagt. Bei aller Kritik die da auf ihn einprasselte…davor ziehen wir unsere Ohren.“ El Metztli: „Doch wir haben nicht die Absicht die Szene sterben zu lassen. Die Liga hat große Champions herausgebracht. Aber auch große Tag Team Champions. T´n`B…Fight Club…um zwei zu nennen…“ Tsuki Nosagi: „DAS was wir nicht akzeptieren ist das er die Tag Team Szene sterben lassen will. Wir werden darum kämpfen das die Tag Team Division weiter existiert. Die Gürtel sind im Müll…ok…wir werden dieses Jahr aber nicht darum kämpfen diese Gürtel zu gewinnen…Nein…“
Die Fans werden positiv nervös. Der Japaner geht zurück zu dem Merchandise Stand. Er greift nach etwas.
Tsuki Nosagi: „Die hier…“
Er hält zwei Replica der Tag Team Gürtel in die Luft.
Tsuki Nosagi: „Die hier werden nicht wie hier am Stand im Sale verrotten. Wir werden dafür Sorgen das die Gürtel auf dem Markt bleiben und wieder den Wert erhalten der Ihnen gebührt.“
Die Fans jubeln. Auch der skeptische Fan ist sichtlich mitgerissen und euphorisch.
El Metztli: „Wir werden Aya zeigen das er zwar die Gürtel in den Müll…und sein Team wegwerfen kann. Doch die Tag Team Szene wird weiterbestehen. Dafür werden wir Sorgen…egal wie…Wir sind wieder da!!!“
Tsuki Nosagi: „Und bis dahin…gibt es Tag Team Gürtel auf unsere Kosten…“
Der Jubel wird größer als die Hasen alle Tag Team Gürtel des Merchandise Stands nehmen und in der Menge verteilen. Das Kamera Team entfernt sich aus der Menge und fängt eine schaurig schöne Szene mit pinkem Nebel ein die Hoffnung für alle Fans der Tag Team Szene aufleben lässt. Im Hintergrund auf einem Ast im Baum sitzend…eine Silhouette.
Wenige Minuten vor der Show.
Sven: „Bleib stehen.“
Der Mann, der bereits eine Hand die Tür mit der Aufschrift „Regie“ gelegt hat, hält inne. Er wendet sich um und sieht Sven herankommen. In einem ungewohnten, schwarzen Outfit.
Regisseur: „Sven!? Wie siehst du denn aus?“
Der Kommentator blickt an sich herunter. Nietenhalsband, bunte Applikationen, zerrissene Jeans.
Sven: „Spooky Special. Aber ist auch nicht wichtig, sondern…“
Er hält drei Blätter Papier in der Hand, mit dem er vor dem Gesicht des Regisseurs wedelt. Unangenehm nahe. Aber der Mann scheint trotzdem zu erkennen, was es ist.
Sven: „Warum ist auf dem Ablaufplan für heute kein Video von Pete und seinem Sohn eingetragen? Wir haben doch extra ein Kamerateam zu seinem ersten Training im Performance Center geschickt.“
Der Regisseur stutzt. Er nimmt Pete die Dokumente aus der Hand und blickt über die Gläser seiner Brille hinweg, um die Tabelle nach und nach durchzugehen. Der Mann befeuchtet die Finger, um auf die zweite und dritte Seite umzublättern. Dann gibt er Sven den Ablaufplan zurecht.
Regisseur: „Du hast Recht, steht nicht drauf.“ Sven: „Aber warum?“ Regisseur: „Wahrscheinlich wird Pete darum gebeten haben, es nicht auszustrahlen. Ich kann dir nicht sagen, was der Grund dafür ist.“
Der skeptische Blick Svens hellt sich auf. Ein Lächeln schleicht sich auf die Lippen.
Sven: „Könnte es bedeuten, dass es…“
Aus dem zaghaften Lächeln wird ein breites Grinsen.
Sven: „…so scheiße gelaufen ist, dass Pete nicht will, dass die Bilder in die Öffentlichkeit gehen?“ Regisseur: „Es könnte vieles bedeuten.“ Sven: „Das ist nicht die Antwort, die ich wollte. Aber zum Glück bin ich mir ziemlich sicher, dass meine Theorie stimmt. Wahrscheinlich hat der Typ völlig versagt.“
Wenn Sven jemanden nicht mehr braucht, wird er weggeschmissen. Und so wendet sich der Kommentator ohne Gruß vom Regisseur ab und lässt ihn seines Weges ziehen. Sven zieht sich sein Shirt mit „Scarecrow“-Aufdruck zurecht und richtet die wild gegelten Stoppelhaare.
Frohen Mutes marschiert er Richtung Vorhang. Noch ein paar Minuten bis zum Sendebeginn. Zeit, seine Position am Pult einzunehmen und den Applaus der Zuschauer einzuheimsen. Den verdienten Applaus.
„Pssst, Sven.“
Sven bleibt stehen. Woher kam die leise Stimme? Er wendet sich um und sieht einen verkniffen aussehenden jungen Mann. Dessen Shirt weißt ihn als Crew-Mitglied aus. Der Kerl kommt auf Sven zu.
Crew-Member: „Warum willst du denn so dringend das Trainingsvideo sehen, Sven?“ Sven: „Was geht dich das an. Wer bist du überhaupt?“ Crew-Member: „Nicht so wichtig.“
Der Kommentator blickt ihn von oben bis unten an.
Sven: „Stimmt.“ Crew-Member: „Aber manchmal werde ich auch im Performance Center eingesetzt.“
Er zieht sein Handy hervor, öffnet eine App und dreht den Bildschirm in Richtung Sven. Die Augen des Kommentators werden größer.
Crew-Member: „Und da habe ich ein paar Aufnahmen machen können während des Trainings.“ Sven: „Zeig sie mir!“ Crew-Member: „Warum so eilig, Sven? Bist du etwa…nervös?“
Der Kommentator blickt zu Boden und macht einen Schritt zurück. Doch nach einigen Sekunden hat er sich gefangen. Er stemmt die Händen in die Hüften, wirft den Kopf in den Nacken – und beginnt schallend zu lachen.
Sven: „ICH? NERVÖS? Niemals. Ich will das Video nur sehen, um mich darüber lustig zu machen. Versteht sich von selbst. Nun spiel‘ es ab.“
Dem Crew-Member langt die Erklärung offenbar. Er zuckt mit den Schultern und drückt auf den Bildschirm des Handys. Was genau zu sehen ist, bleibt für die Zuschauer verborgen. Sven beugt sich näher heran, um alles zu erkennen.
Sven: „Haha, da ist Pete. Schau ihn dir an, wie er rumeiert. Sicher ist ihm das Herz schon in die Hose gerutscht, als er seinen Versager beobachtet hat. Moment…“
Er kommt noch näher an den Handy-Bildschirm. Kneift die Augen zusammen.
Sven: „Wer ist der Typ da am Boden? Ist das der Sohn? Wurde er völlig niedergemäht?“ Crew-Member: „Nein, der Trainingspartner.“ Sven: „Warum liegt er da rum?“
Sein Gesprächspartner lässt den Bildschirm schwarz werden und beugt sich verschwörerisch vor. Seine Stimme ist nun so leise wie zu Beginn, als er Sven mit einem Flüstern angelockt hat.
Crew-Member: „Weil er…ausgeknockt ist.“ Sven: „Nein!“
Er räuspert sich.
Sven: „Ich meine: Dann war es sicher nur Zufall. Ein Lucky Punch. Oder?“ Crew-Member: „Weiß nicht. Ich kam erst später dazu. Sie mussten das Training jedenfalls abbrechen danach. Bist du…“
Der junge Mann blickt Sven an.
Crew-Member: „…jetzt nervös, Sven?“ Sven: „Quatsch. Und jetzt lass mich in Ruhe. Hast du nicht was zu tun, Junge? Ich muss nun in die Halle. Verschwinde.“
Der Mann tut wie ihm geheißen und trollt sich. Zurück bleibt Sven. Der Kommentator kratzt sich am Kinn und steht nachdenklich da. Als er entdeckt, dass er selbst von einer GFCW-Kamera gefilmt wird, setzt er sein gewohntes Grinsen auf. Nur um sich zwei Sekunden später abzuwenden und sein eigenes – goldenes – Smartphone hervorzuziehen.
Er wählt eine Nummer.
Sven: „Hier ist Sven…“
Seufzen als die Antwort des Gesprächspartners kommt. Wer auch immer das sein mag.
Sven: „Was meinen sie mit ‚Welcher Sven‘? DER Sven. Wenn sie nicht wissen, was ich meine, dann weiß es sicher ihre Frau.“
Unverständliches als Antwort aus dem Handy. Aber es ist laut.
Sven: „Nein, ich will nicht mit ihnen streiten, ich will etwas bestellen. Wein. Und zwar ihren besten, den sie haben. Ist das klar? Nicht die Nummer 2 oder Nummer 3 – das Zeug, dass sie für wichtige Anlässe auf Vorrat haben. Und legen sie eine Packung Pralinen dazu.“
Die Stimme aus dem Handy wird friedlicher. Es wird nicht mehr geschrien.
Sven: „Nein, nicht an meine Adresse senden. Senden Sie es an…“
Der Kommentator lächelt.
Sven: „…James Corleone. Mit besten Grüßen von mir.“
War Evening (Spooky Special), BMW Park (München), 31.10.2025
In Kooperation mit
Pete: „Luna Rosario ist meine Traumfrau und ich würde ihr gerne meinen rebellischen Leviathan reinbuttern.“
Willkommen zu War Evening. Das mit betretenem Schweigen und einem unerwarteten Outing beginnt. Sven starrt seinen Kollegen entrüstet an. Angesichts des Inhalts von Petes Aussage fällt kaum auf, dass beide Kommentatoren verkleidet sind. Sie trägen Nieten-Halsbänder um den Hals und statt Anzügen gibt es schwarze Lederoutfits mit Anarchie-Stickern.
Sven: „PETE! Wie kannst du nur?“
Dem Angesprochenen wird etwas bewusst. Er schwingt herum und blickt in eine Kamera. Eine Kamera, die rot blinkt. Das Zeichen, dass etwas aufgenommen ist.
Pete: „Oh, verdammt…w-wir sind schon auf Sendung?“ Sven: „Live.“
Das Gesicht des Kommentators wird so rot wie der Aufnahmeknopf. Er hebt abwehrend die Hände und räuspert sich.
Pete: „Ich muss mich erklären, liebe Fans. Das eben habe ich nur gesagt, weil Sven mir gesagt hat…“ Sven: „LÜGE!“ Pete: „…ich müsse mich in meine heutige Rolle als Leviathan-Mitglied einfühlen. Denn seht ihr, wir sind heute verkleidet und ich wollte…man nennt das Method Acti…“
Weil er mit Worten ringt, versucht er, sich bildlich zu erklären. Er steht auf, um einen Blick auf seine Verkleidung zu bieten.
Sven: „AUSREDE! LÜGE! Pete, der Belästiger. Pete, lass deine schlimmen Finger und auch das ganz kleine Fingerchen weit weg von Luna Rosario. Wir wollen keinen neuen Fall Joana Sexianer, du SERIEN-PERVERSLING!“ Pete: „Liebe Zuschauer, wirklich. Ich habe das nur gesagt, weil Sven es mir geraten hat, bevor die Kameras laufen.“
Sein Kollege verschränkt die Arme vor der Brust und schüttelt entschieden mit dem Kopf. Dann lehnt er sich der Kamera entgegen und nimmt eine Haltung als professioneller Ansager ein.
Sven: „Liebe Fans, willkommen zu War Evening! Im Namen von German Fantasy Championship Wrestling entschuldige ich mich bei Ihnen und auch bei Luna Rosario für meinen unterleibsgesteuerten und unprofessionellen Kollegen. Seine Werte spiegeln nicht die Werte unserer Company wider.“ Pete: „Sven, DU hattest gesagt, ich soll…“ Sven: „Schauen wir uns auf professionelle Art und Weise die heutige Card an.“
Single Match: Milly Vermillion vs. Hugo "Meathook" Rodriguez Referee: Bob Taylor
Sven: „Vor zwei Wochen hat Skadi Fenrir auf überzeugende Art und Weise Meathook geschlagen. Heute will ihre Kollegin Milly Vermillion es genauso gut machen.“ Pete: „Ich denke…“ Sven: „DU denkst gar nichts, Pete. Geh zurück in dein Horny-Jail. Ich lasse nicht zu, dass du ein Match kommentierst, in dem eine Frau vorkommt. Du bist völlig außer Kontrolle.“ Pete: „...“ Sven: „Ist dies womöglich ein Rekord-Kampf in der Liga? Der Kampf mit dem größten Gewichtsunterschied zwischen den beiden Beteiligten? Meathook ist 2,05m groß und bringt fast 200 Kilo auf die Waage. Milly Vermillion wiegt 150 Kilogramm weniger. Und doch: Chancenlos würde ich Milly nicht sehen. Ihre Leistungen in den letzten Monaten waren besser als die von Rodriguez. Nun ist die Frage, inwieweit die körperliche Überlegenheit Meathooks dies ausgleichen kann. Diese professionelle Analyse wurde ihnen präsentiert: Von einem seriösen, nicht-sexsüchtigen Kommentator.“
Single Match: Caracal Matthews vs. Dex Blarney Referee: Thorsten Baumgärtner
Pete: „Dieses Match steht unter besonderen Voraussetzungen: Dex Blarney hat es gefordert, nachdem sein Trainer Viggo vor zwei Wochen gegen Caracal verloren hat. Blarney möchte es nutzen, um einen Festvertrag zu erlangen. Indem er das schafft, was Viggo nicht gelang.“ Sven: „Und wie wir mittlerweile gehört haben: Viggo hat dieser Abmachung zugestimmt. Falls es Dex heute gelingt, den Überraschungssieg gegen Matthews einzufahren, steigt er ins feste Roster auf.“ Pete: „Aber Matthews ist in guter Form.“ Sven: „Vor dem Sieg gegen Viggo gab es einen PPV-Sieg über Qurashi. In seiner Sicht ist Blarney sicher nur ein Zwischenschritt zum Jason Crutch-Invitational.“
Single Match: Wenn Tyo verliert, muss er den Förderkader verlassen Tommy Qurashi vs. Tyo Johns Referee: Karo Herzog
Pete: „Dieser Kampf steht unter ganz anderen Voraussetzungen als Dex vs. Caracal. Hier muss zwar auch ein Förderkader-Mitglied um seinen Vertrag kämpfen. Aber es geht nicht um einen Festvertrag – sondern darum, ob Tyo überhaupt weiter an Bord bleiben darf.“ Sven: „Als Gegner für diese Herausforderung wurde Tommy Qurashi von Viggo ausgesucht. Nach Viggos Einschätzung verkörpert Tommy in etwa das Leistungsniveau, das auch der Förderkader haben sollte. Ich kann mir vorstellen, dass Tommy nicht ganz mit dieser Sichtweise zufrieden ist und beweisen will, dass er über Tyo & Co. steht.“ Pete: „Das stimmt. Und nun, wo ich den ersten Schock überwunden habe, möchte ich mich noch einmal entschuldigen: Mein Aussetzer zu Beginn wurde durch eine Finte von Sven eingeleitet. Aber trotzdem sollte es mir nicht passieren. Es tut mir leid.“ Sven: „Es ist widerlich, wie du dich mit Lügen rausredest, Pete. Oder willst du ernsthaft behaupten, dass die Aussage nicht stimmt?“ Pete: „Sie stimmt nicht. Luna Rosario ist nicht meine Traumfrau.“ Sven: „Du denkst also, Frauen seien nicht begehrenswert, nur weil sie keine Haare haben? Hast du dich mal gefragt, wie sich die Betroffenen fühlen? Deine oberflächliche Sicht ist eine Schande, Pete. Es wird immer schlimmer.“ Pete: Das habe ich doch gar nicht gesagt!“ Sven: „Hast du. Misogyner Widerling.“
Tag Team-Match: Black Wyrms (Brigitte Reflet & Shizuku Shikishima) vs. Zwei lokale Talente aus München Referee: Mike Gard
Sven: „Zwei lokale Talente aus München treffen auf die schwarzen Würmer, die nach Ayas Aktion von vor zwei Wochen sicher beweisen wollen, dass die Entehrung des Tag Team-Titles ein großer Fehler war.“ Pete: „Man kann davon ausgehen, dass sie geladen sind. Doch falls sie heute gegen zwei No-Names aus München verlieren, könnten ihre Ambitionen auch ganz schnell beendet sein.“ Sven: „Werden die lokalen Talente der Lennart Karl und Jamal Musiala des Wrestlings sein? Oder eher Lell und Ottl? Das wird über den Matchausgang entscheiden."
Singles Match: The End vs. Ein Mitglied vom Förderkader Referee: Mike Kontrak
Sven: „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Und ist THE END vielleicht der Tod für seinen Gegner am heutigen Tag?“ Pete: „Wir haben erfahren, dass nicht irgendein Mitglied antreten wird. Nein, es wird der Nachfolger von Snow sein. Denn Viggo hat sich nach Snows Niederlage vor zwei Wochen dazu entschieden, den Exzentriker aus dem Spiel zu nehmen und zu ersetzen. Für einen kompletten Neuling geht es also direkt gegen einen der größten Namen der GFCW. Kann es etwas Schlimmeres geben?“ Sven: „Ich gebe zu: Wahrscheinlich wird The End hier tatsächlich gewinnen. Da kann er sich wenigstens einmal stark fühlen, ehe er von ALDO NERO zerstört wird.“ Pete: „Ob es wirklich so kommt, sehen wir bei diesem Spooky Special von War Evening…“ Sven: „…wo das Spookygste mein furchtbarer Kollege ist. Viel Spaß wünscht Euch der professionelle Ansager Sven.“ Pete: „Und nun höre ich gerade, wir haben eine Live-Schaltung ins Wohnzimmer des ehemaligen GFCW Tag Team Champions Aya.“ Sven: „Oh, da bin ich echt gespannt, was er uns zu sagen hat und wieso ist er nicht hier in München?“
Auf den Monitoren und der riesigen Leinwand in der Halle erscheint das Bild eines lodernden Kaminfeuers. Das Holz knistert sanft, Funken tanzen kurz auf, bevor sie in der warmen Glut vergehen. Die Kamera zoomt langsam heraus. Ein modernes Wohnzimmer wird sichtbar, elegant eingerichtet, aber mit einer spürbaren Leere. An der Wand hängt ein großes Hochzeitsfoto: Sarah, Ayas verstorbene Frau, lächelt darauf an seiner Seite. Das Bild wirkt wie ein Fenster in eine vergangene, friedlichere Zeit. Dann betritt Aya das Bild. Er hebt es leicht, prostet den Zuschauern zu und lächelt dezent, bevor er mit ruhiger Stimme spricht:
Aya: „Schön, dass mir die Zeit gegeben wird – und dass Ihr Euch die Zeit nehmt, mir zuzuhören.“
Er nimmt einen Schluck, der Moment wirkt fast feierlich. Dann dreht er sich leicht und geht gemächlich zu einem dunklen Ledersessel. Seine Schritte hallen leise auf dem Parkettboden. Mit einem tiefen Atemzug lässt er sich nieder, stützt den Arm auf die Lehne und blickt direkt in die Kamera.
Aya: „Nach der letzten War Evening war der Aufschrei sehr groß, wie Jimirion und ich nur das machen konnten, was wir gemacht haben.“
Ein kurzes, fast spöttisches Schmunzeln huscht über sein Gesicht.
Aya: „Die Frage ist nur: Was haben wir gemacht? Wir haben uns einer Last entledigt, die Jay Taven heißt. Einer, der nie das Potenzial hatte, größer zu werden, als er bis dato war. Und nur ich habe ihn weitergebracht, als er je hätte kommen können. Doch er hat mich ausgebremst und das konnte ich nicht zulassen.“
Er nippt erneut an seinem Bier, atmet tief aus und wirkt für einen Moment nachdenklich, fast schwer.
Aya: „Aber wisst ihr... das ist nicht der Grund, warum ich Euch hier in mein Wohnzimmer blicken lasse. Ich tue das nicht aus Angst. Und schon gar nicht, weil mir jemand sagen könnte, was ich zu tun habe. Nein, der Grund ist ein anderer. Nach War Evening war der Aufschrei groß, was die Tag Team Titel betrifft. Viele sagten, ich hätte sie respektlos behandelt, ich würde sie entwerten.“
Aya lächelt flüchtig, doch seine Augen verengen sich, sein Blick wird ernst, durchdringend.
Aya: „Nein. Ich habe sie nicht entwertet. Entwertet hätte ich sie, wenn ich sie weiter getragen hätte, obwohl es niemanden gibt, gegen den man sie verteidigen kann. Habt ihr schon mal daran gedacht? Was ist ein Gürtel wert, wenn man ihn trägt, aber nie aufs Spiel setzen muss?“
Er beugt sich leicht nach vorne, gestikuliert ruhig, aber eindringlich.
Aya: „Die Hasen sind verschwunden. Das Match, das bei Carnival of Combat hätte stattfinden sollen, kam nicht zustande. Lag es an mir? … NEIN … lag es nicht! Ich war da. Ich war bereit. Aber man musste kurzfristig umplanen. Und dann standen wir vor der Wahl: Rausgehen und was sagen oder fernbleiben? Wir entschieden uns fürs Rausgehen. Im Nachhinein? Vielleicht ein Fehler. Wären wir weggeblieben, wäre es aber genauso falsch gewesen. Egal, wie man’s dreht für die Kritiker wäre es immer falsch gewesen.“
Er schmunzelt erneut, dieses Mal bitterer. Mit dem Daumen streicht er über den Rand seines Bierglases, das er dann auf den Tisch stellt. Seine Schultern straffen sich, als er wieder in die Kamera blickt.
Aya: „Und genau diese Frage stellte ich mir danach: Was mache ich weiter? Einen Titel tragen, wenn es keine Teams gibt, gegen die man ihn verteidigen kann – nur, um sagen zu können, ich sei der am längsten regierende Champion? Oder sage ich den Leuten die Wahrheit: Dass der Titel momentan keine Bedeutung hat, weil es niemanden gibt, der auf meinem Level ist. Wenn es überhaupt Teams gibt, die mir diesen Titel abnehmen könnten.“
Langsam erhebt sich Aya, greift das Glas wieder, doch er trinkt nicht. Stattdessen geht er um den Tisch herum, jeder Schritt wirkt überlegt, die Haltung aufrecht, seine Stimme wird fester.
Aya: „Aber was einige Kritiker dann von sich geben, ist schon ein Stück unter der Gürtellinie. Glaubt ihr nicht, dass man andere Wege gefunden hätte, wenn es sie gäbe? Ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ich habe Taven losgelassen und dem Tag Team Titel die Chance gegeben, nicht noch mehr Prestige zu verlieren, indem er von jemandem gehalten wird, der ihn nie verteidigen muss. Aber wartet… bevor ihr jetzt sagt, das seien nur große Worte aus dem Wohnzimmer…“
Während er spricht, kommt Aya der Kamera immer näher. Seine Schritte hallen schwerer, das Licht des Kaminfeuers reflektiert sich in seinen Augen. Dann geht er an der Kamera vorbei und sie dreht sich mit ihm. Plötzlich wird sichtbar: Das
Wohnzimmer ist kein echtes Wohnzimmer. Es ist ein Studio. Die Kamera folgt ihm, als er durch den Gang des BMW Parks tritt. Die Fans in der Halle beginnen zu reagieren, erst murmelnd, dann lautstark. Buh-Rufe mischen sich mit Jubel, als Aya auf der Entrance-Rampe erscheint.
Aya: „Der kann es mir auch einfach direkt ins Gesicht sagen! Denn mein Wohnzimmer ist hier, und war immer hier! VIELLEICHT gefällt einem nicht immer, was passiert aber so ist das Leben! Mir gefällt auch nicht alles, doch alles hat seinen Grund, warum es passiert!“
Dann, mit einem kräftigen Schwung, wirft er das Mikrofon zu Boden. Es knallt dumpf auf die Bühne. Aya steht da aufrecht, die Augen voller Wut und Entschlossenheit. Der Scheinwerfer trifft ihn frontal, Schweiß glitzert auf seiner Stirn. Er hebt langsam die Arme.
Im Leben
einer Hexe gibt es so viel, das selbstverständlich ist, was
im Leben der meisten Menschen als seltsam bis schwachsinnig
angesehen werden würde – sei es, dass man sich
Haustiere nicht nur als Haustier hält, sondern eine magische
Verbindung mit ihnen eingeht, um die eigene magische Kraft zu
stärken oder dass man ähnlich wie Alchemisten viel über
die Natur lernt und geheime Rezepturen kennt, die funktionieren
und doch von öffentlichen Gesundheitsbehörden nur unter
Vorbehalt und mit Warnung akzeptiert werden, von wegen dass etwas
traditionell genutzt wird, der wirkliche Wert der Tinktur jedoch
logisch ungesichert ist, so wie die Grundzüge der
Mathematik.
Gehen ein Zylopen-Hirsch, ein Kürbiskopf, ein Zombie mit Dreadlocks und eine Mumie zum Catering. Was klingt wie das Setup für einen Witz der Marke extra dumm ist weder Witz noch ungewöhnlich – nicht an Halloween. Anlässlich zum Spooky Special ist auch die Ringcrew schaurig gekleidet; wenn man es denn schaurig nennen will. Feixend geht man Essen fassen und setzt sich an einen freien Tisch.
„Tatsächlich? Ich hätte mich ja eher gewundert, wenn das Office was getan hätte.“ „Sag das nicht zu laut, am Ende hört das Office ausgerechnet das und dann bist du derjenige, der bestraft wird.“ „Arg unwahrscheinlich, aber dann wiederum hab ich es auch für arg unwahrscheinlich gehalten, dass Pete jemals Sex haben würde und nun ist er sogar Vater.“
Monica Shade: „--ein anderer ehemaliger World Champion, den ich verhauen kann, damit ich mich für ein Titelmatch empfehlen kann?“ „Nein, bin ich auch nicht, ich gehöre zur Ringcrew. Mein Name ist--“ Monica Shade: „Hör mal, ich bin hier um Ask Skógur zu finden, nicht um mir eure Namen einzuprägen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: eure Arbeit ist gut und wichtig und dafür den Daumen hoch, aber meine Priorität ist gerade was anderes. Also: habt ihr Ask irgendwo gesehen?“
„Hab ihn auch noch nicht gesehen heute. So wie er letztes Mal vorzeitig verschwunden ist, muss man auch fragen, ob er heute überhaupt hier ist.“ „Ist ja auch für kein Match gebookt heute.“
„Wenn man Deutscher ist oder halt in Deutschland lebt, was auf Ask beides nicht zutrifft.“
Wir befinden uns in der heißen Phase. Das große, finale Duell zwischen The End und Aldo Nero bahnt sich nun für Title Night an, als direktes Rematch vom letzten Jahr, nur, dass diesmal sogar noch mehr auf dem Spiel steht – der GFCW World Championship. Dementsprechend turbulent sind die Wochen für alle Beteiligten und einer davon ist James Corleone, den wir nun gerade im Bild sehen. Corleone hat zudem harte Wochen hinter sich, nachdem er von Ask Skógur für eine Shows außer Gefecht gesetzt und ihm sein Comeback bei Carnival of Combat von End & seinem Bruder ruiniert wurde. Zudem redet alles und jeder Aldo gerade ein, wie schlecht Corleone doch für ihn ist und das scheint auch immer mehr Früchte zu tragen, wobei Aldo – zumindest aktuell noch – trotz dessen zu ihm hält. Ja, man sollte meinen, dass ein James Corleone schon bessere Tage gesehen hat. Jetzt ist er jedenfalls allein unterwegs und auf dem Weg zu der Kabine von Aldo Nero. Diese betritt er auch direkt, wobei wir sehen, dass diese noch immer so designt und aufgebaut ist, wie sich das einst The End gewünscht hat. Einen Schreibtisch für Corleone, die dunkle Couch, mit Sessel, für das Abwickeln von Geschäften und das Genießen von leckerem Whiskey. Wie wir es kennen. Im Raum angekommen, dauert es zwar etwas, bis Corleone es realisiert, als das aber schließlich der Fall ist, steht ihm der Schock ins Gesicht geschrieben, denn im Raum wartet nicht Aldo Nero auf ihn, sondern jemand anderes…
The End: „Na… überrascht mich zu sehen?“
Corleone hat die Tür noch in seiner Hand und als er End erkannt hat, sieht man ihm zweifellos an, dass er mit dem Gedanken spielt, direkt die Flucht zu ergreifen… allerdings, sieht es nicht so aus, als ob The End – wie etwa vor einem Jahr – das Ziel hat ihn anzugreifen.
The End: „Keine Sorge, würde ich dir weh tun wollen, wäre es schon passiert.“
The End sitzt gemütlich und vor allem genüsslich auf dem dunklen Sessel, mit süffisanten Grinsen in Richtung James Corleone. Es ist lange her, dass die Beiden irgendwo allein miteinander waren und wohl noch viel länger, als es das letzte Mal hier in diesem Raum war. Corleone jedenfalls erkennt, dass End etwas vorhaben muss. Etwas anderes, als ihn jetzt einfach anzugreifen. Also schließt er die Tür schließlich hinter sich. Direkt danach geht Corleone schließlich zu The End, um sich neben ihm auf die Couch zu setzen. Er behält seinen skeptischen Blick dennoch voll bei End.
James Corleone: „Nun denn, was ist der Grund für deinen Besuch?“
Corleone gibt sich, wie eh und je, alle Mühe, sich nicht in die Karten schauen zu lassen, wenngleich End zumindest schon einmal einen Punkt erzielt hat, indem er James hier tatsächlich überrascht hat – da konnte sich selbst der abgebrühte Corleone nicht gegen seine spontanen Reaktionen wehren.
The End: „Hier gabs doch mal Whiskey.“
End spielt seine überraschende Ankunft weiter aus – auch hier, wie so oft, ist End in der überlegenen Position zwischen den Beiden, allerdings ist es diesmal nicht so, dass Corleone wenig kontern kann, weil er End nicht verlieren will, hier kann er nicht kontern, weil es End sich sonst vielleicht doch noch anders überlegt. Jetzt könnte er ihn angreifen, denn inzwischen hat er keinerlei Machtanspruch mehr über The End. Widerwillig steht James Corleone also auf, geht zum Regal, greift sich daraus eine Flasche feinsten, sicher sehr teuren Whiskey, um End ein Glas einzuschenken, es ihm zu bringen und sich schließlich wieder neben ihn zu setzen. End greift danach, scheint aber noch nicht vollends glücklich.
The End: „Trinkst du nichts?“ James Corleone: „Danke… keinen Durst.“
Man merkt, wie sehr Corleone diese Situation – über die er keinerlei Kontrolle hat – stört und wie sehr End – der sich über Corleones Unmut in derartigen Situation vollends bewusst ist – das genießt.
The End: „Allein zu trinken macht keinen Spaß, das würde mich ja zu einem Alkoholiker machen. Ich fürchte also… Mister Corleone… dass ich darauf bestehen muss.“
Ends Miene ist unglaublich schmerzhaft für Corleone. Er lacht seinem ehemaligen Mentor wortwörtlich ins Gesicht, der nun erneut aufstehen, sich abermals einen, vermutlich sehr sehr teuren, Whiskey einschenken und wieder zurückkommen muss um wieder neben End Platz zu nehmen. Als diese geschehen ist, stößt End mit Corleone an, bevor er einen genussvollen Schluck aus dem Glas nimmt. Corleone scheint die Situation noch immer nicht einordnen zu können – vor einem Jahr wollte End Corleone noch in jeder freien Sekunde an die Gurgel gehen und jetzt trinken sie gemeinsam Whiskey? Was soll das? In jedem Falle… stellt er sein Glas ohne einen Schluck zu trinken auf den Tisch, als wolle er im stillen Protest trotzdem einen kleinen Sieg einfahren. Als ob es End interessieren würde. End steht auf und läuft schließlich durch den Raum, das Glas hat er ebenfalls abgestellt. Er wendet Corleone schließlich den Rücken zu, während er zu sprechen beginnt.
The End: „Also dann… lass uns… über das letzte Jahr reden.“
End schaut sich um, als würde er hier wirklich irgendwas inspizieren wollen – was er natürlich nicht will, er kennt das alles. Dabei wirkt das noch immer alles recht eigenartig – End tritt aktuell gar nicht wirklich so auf, wie vor einem Jahr. Dort ging es ihm noch um brachiale Gewalt und den körperlichen Angriff auf Corleone und Nero und jetzt… … jetzt scheint er eine andere Strategie zu fahren.
The End: „… denn eine Frage hat mich in dieser Zeit beschäftigt, wie kaum etwas anderes. Ja, diese Frage lässt mich nicht los und nun eeendlich kann ich sie dir stellen. War es… all das wert?“
Damit dürfte wohl Corleones kompletter Turn gegen The End gemeint sein: dass er ihn hintergangen hat im Match gegen Aiden Rotari, dass er sich an die Seite von Aldo Nero gestellt und mit diesem gemeinsam gegen The End bei Title Night gewonnen hat. Corleone wirkt leicht irritiert, denn offensichtlich war es das wert oder? Sonst hätte er es ja nicht getan?
James Corleone: „Offensichtlich… hast du die die GFCW in diesem ‚letzten Jahr‘ nicht besonders gut verfolgt, denn wenn du es getan hättest, wüsstest du, dass aus Aldo Nero der beste Wrestler geworden ist, denn diese Liga jemals gesehen hat. War es das also wert, mich von dir zu lösen und mich an Aldos Seite zu schlagen? Zweifellos. Davon abgesehen… und das habe ich bereits gesagt… hatte ich keine andere Wahl.“ The End: „Soso, das ist ja interessant.“
Ends verschmitzter Kommentar deutet an, als hätte er gewollt, dass Corleone das sagt. Er hatte also keine andere Wahl? Das würde dann bedeuten, dass der Turn von Corleone allein deshalb kam, weil es ursprünglich The Ends Vorgehen war, sich von Corleone zu lösen und dieser das dementsprechend nur seinerseits getan hat, um End zuvorzukommen. Aber hätte The End das nicht vorgehabt… wäre Aldo dann noch immer die richtige Entscheidung gewesen? Dieser Subtext steht im Raum und natürlich weiß Corleone auch, dass End genau darauf hinauswill, um Zwietracht zwischen ihm und Aldo zu säen oder besser gesagt, um die vorhandene Zwietracht zu bestärken. Aber Corleone ist ja nicht dumm.
James Corleone: „Ich weiß, worauf du hinauswillst, aber das wird nicht funktionieren. Ich hatte keine andere Wahl, mich von dir zu lösen, weil du schwach geworden bist. Erst konntest du Ask nicht besiegen, dann hast du gegen Aiden verloren. Beides Männer, die Aldo – ganz nebenbei bemerkt – eigenständig bezwingen konnte. Und das beweist, dass ich offensichtlich aufs bessere Pferd gesetzt habe und meine Entscheidung richtig war.“
Eine treffende Antwort, die eigentlich sitzen sollte und doch… wirkt es nicht so, als sei End getroffen.
The End: „Ja… du hast Recht. Aldo ist sooo viel besser als ich.“
End hat sich inzwischen wieder Corleone zugewandt und als er das sagt, wird deutlich, dass er noch nicht fertig ist… wieder etwas, was Corleone erkennt.
The End: „Und wenn das nun so ist… was lässt dich dann glauben, du hättest ihn besser unter Kontrolle als mich?“
Corleone im Gegensatz wirkt davon schon getroffen. Und auch das scheint The End zu genießen.
The End: „Ich gebe es ungern zu, aber ja… ich habe viel zu lange gebraucht, um zu erkennen, was du für ein Mensch bist. Ich meine, ich wusste es immer… aber nicht zu mir. Zu mir warst du anders. Vielleicht, weil ich meine Vorteile aus unserer Zusammenarbeit ebenso gezogen habe wie du. Ich habe es vor zwei Wochen gesagt, ohne dich, wäre ich wohl nie so weit gekommen. Und nach all den Jahren, war ich bis zuletzt blind genug zu glauben, ich wäre die Ausnahme. Ich meine du hast sogar deinen eigenen Sohn für mich verstoßen. ‚Vertraue niemandem, außer mir‘ und ich dachte, ich könnte dir vertrauen. Tief in mir drin, irgendwo. Das war mein Fehler, dafür habe ich bezahlt. Bei Aldo allerdings… hat es nicht mal ein Jahr gedauert, bis er es verstanden hat. Bis er verstanden hat, was du bist. Und nun ist das Einzige, was ihn noch an dir hält, das gemeinsame Blut, dass durch seine Adern fließt.“
Ob End das alles so ernst meint? Vor zwei Wochen hat er bereits gesagt, dass er Corleones Stellenwert in seiner Karriere anerkennt und da gibt es auch keinen Zweifel, er hat ihm viel geholfen und dennoch wirkt es so, als würde End sich selbst etwas herunterspielen wollen, um einen Punkt zu machen.
The End: „Ich bin mir sicher… du wirst ihm viel beigebracht haben in diesem Jahr. Wie auch mir in all den Jahren zuvor. Und dieses Wissen, in Kombination mit der Tatsache, dass er nun mal ein Corleone… dein Sohn… ist, bringt mich zu einer weiteren Frage: wenn du ihn so viele Jahre verstoßen hast, was lässt dich glauben, dass nicht irgendwann der Punkt kommt, in dem auch dich verstoßen wird?“
Corleone gefällt diese Antwort gar nicht, denn er versteht, dass es End vollkommen bewusst ist, dass Aldo von diesem Gespräch hier wissen und es sehen wird und so kann er Aldo, ohne ihn direkt drauf anzusprechen, auf diese Fährte locken: James hat Aldo verstoßen, obwohl sie Familie sind. Warum kann Aldo das nicht auch andersherum tun. Noch ist Aldo dieser Bund mit seinem Vater extrem wichtig, das Wichtigste, was er hat. Aber wird das so bleiben? Vor allem… wird das so bleiben, mit jemandem wie The End, der darauf immer hinarbeiten kann?
The End: „Diese ständigen Kämpfe mit deinen Klienten… bist du sie nicht auch leid. Wir haben diesen Tanz oft genug getanzt, bis er zum unvermeidlichen Ende geführt hat. Und dein Ende mit Aldo ist ebenso unvermeidlich… nur steht es viel eher bevor, als es bei uns der Fall war.“ James Corleone: „Nicht, wenn ich all diese Kämpfe gewinne.“
End schmunzelt diabolisch. Ist das wirklich das Klügste, was man in dieser Situation sagen sollte? Und das scheint auch Corleone zu realisieren.
The End: „Wenn du es weiter als Kämpfe siehst… wird genau das nicht passieren.“
End schmunzelt erneut, diesmal triumphierend, als wüsste er, dass er diesen verbalen Schlagabtausch gewonnen hat. Er wendet sich schließlich von Corleone ab und deutet an zur Tür gehen zu wollen, doch der… scheint noch nicht fertig.
James Corleone: „Gegen dich habe ich sie doch auch gewonnen.“
End bleibt stehen. Das war seine Aussage, dass daran deren Beziehung endgültig zerbrochen ist.
James Corleone: „Auch, wenn du das nicht sehen wolltest. Weil du… zu selbstgefällig warst, es zu erkennen, weil dein Ego zu riesig war. Du denkst du hattest stets die Kontrolle über mich. Aber und jetzt habe ich eine Frage für dich, was lässt dich glauben, dass es nicht meine Absicht war, dir genau das vorzumachen.“
Nicht ganz weit hergeholt – man hat Corleones Spiel nie so richtig verstehen können und dass er oft genug auch gegen The End gearbeitet hat, auch, als sie noch zusammen gekämpft haben, ist auch kein Geheimnis. The End wird wieder ernster.
James Corleone: „Und selbst wenn. Was ist denn passiert, als ich dich mal eine Entscheidung habe treffen lassen. Wie zum Beispiel mit deinen Freunden von Leviathan zu spielen. Hm? Dann bist du grandios gescheitert.“
End dreht sich nun wieder zu Corleone und läuft schnell auf diesen zu, als wolle er ihn angreifen. Und damit wird auch immer klarer, dass Corleone sich die Kontrolle über die Situation langsam zurückholt.
James Corleone: „Na los, Schlag mich doch. Tu es schon. Dann würdest du genau das bestätigen, was ich gerade gesagt habe. Dann würdest du denken du hättest ‚gewonnen‘ tatsächlich, hast du es aber nicht. Auch, wenn du etwas anderes sagst, du hältst dich für besser als Aldo. Du hältst dich für besser als alle anderen. Und jetzt kreuzt du hier auf und hältst dich sogar für besser als mich, mir deiner selbstüberzeugten Überlegenheit, deiner Arroganz, deiner Großkotzigkeit, aber soll ich dir sagen, was du damit tatsächlich beweist?“
End zieht die Hand zähneknirschend zurück, es scheint, als würden Corleones Worte anschlagen. Corleone versteht es noch immer mit The End zu spielen und obwohl dieser das genau hätte wissen müssen, dass sich Corleone nicht so einfach geschlagen gibt, scheint er ihm hier auf den Leim zu gehen.
James Corleone: „Du beweist damit, dass du genauso bist wie ich. Und wer kann es dir verübeln, dafür warst du viel zu lang an meiner Seite. Und jetzt denkst du, du könntest Aldo und mich weiter entzweien, du tust so, als würde Aldo dir vielleicht sogar irgendwie am Herzen liegen, aber all das tust du nur, weil du dir damit einen eigenen Vorteil erhoffst. Ist das auch der Grund, warum du Salvatore dabeihast?“
End dreht seinen Kopf weg.
James Corleone: „Hm. Ich bin es leid, es zu sagen, aber offensichtlich hast du es noch immer nicht verstanden. Ich habe dir nicht nur geholfen, ich bin schlicht und ergreifend verdammt gut, in dem was ich mache. Du selbst warst nie dieser überdominante Wrestler, die Kombination aus dir und mir, das war die dominante, führende Kraft. Und alsbald, als diese erloschen ist, ist auch dein Stern erloschen.“
Corleone greift nach dem Whiskey auf dem Tisch, setzt ihn an und schluckt ihn in einem Schluck herunter, während The End sichtlich getroffen dasteht. Wieder einmal hat Corleone wohl den Nagel auf den Kopf getroffen – End fühlt sich in der überlegenen Position und er denkt wohl, er könne mit den Mindgames gegen Corleone arbeiten, tatsächlich beweist er damit aber nur, dass James Corleone noch immer in ihm drinsteckt und wenn End den Fall von James Corleone will, wird er zwangsläufig selber fallen.
James Corleone: „Warum all das jetzt bei Aldo anders sein sollte? Nun, selbst, wenn er mich hassen würde, hat er das verstanden. Er kämpft nicht gegen mich… er kämpft mit mir. Und gemeinsam wirst du uns auch nach diesem großen Comeback und selbst mit meinem Bruder, nicht besiegen.“
Mit ordentlich Nachdruck stellt Corleone das Glas wieder auf den Tisch, bevor er sich schließlich auf den Weg macht den Raum zu verlassen. Somit lässt er einen The End zurück, für den, dieser Überfall vielmehr nach hinten losging und der jetzt in sein ehemaligen Raum, von ihm und seinem ehemaligen Manager steht, ohne das alles. Was bleibt ihm jetzt noch? Jetzt bleibt ihm nur noch die Hoffnung auf den finalen Sieg. Vor allem scheint sich aus dieser Interaktion aber eine Erkenntnis herauskristallisiert zu haben: so sehr The End es auch will, James Corleone steckt immer noch tief in ihm. Ask und Aldo redeten über Flüche, Corleone, der als Zwang oder Gefängnis auf Aldo lastet – in Ends Falle scheint Corleone aber vielmehr ein Teil von ihm zu sein und wenn er nicht aufpasst, wird er selbst zu einem James Corleone. Oder… vielleicht ist er das schon? Nachdem Corleone den Raum nun verlassen hat und die Kamera noch wenige Sekunden auf dem niedergeschlagenen End hält, wandelt sich sein Gesicht zu einem zweideutigen Grinsen, wie es all so oft bei James Corleone der Fall war, nachdem dieser die Konversation scheinbar verloren hat. Ist es nun vielleicht The End, der James Corleone in diesem Glauben lässt? Führt er vielleicht mehr im Schilde, als Corleone hier einfach zu konfrontieren? Vielleicht steckt wirklich sehr viel von James Corleone in The End und vielleicht ist das gar nichts Schlechtes.
Die Kamera fadet rein, und wir sehen das Office des über allen Dingen stehenden Chefs der GFCW, Claude „Dynamite“ Booker. Der Chief of Einfach-Allem-Was-Mit-Der-GFCW-Zu-Tun-Hat hat seinen Hände Angie-mässig in der Raute gefaltet und steht mit einem schnieken grauen Anzug mit weißem Einstecktuch vor uns und grinst. Er ist glücklich. Und in der Regel sind ALLE glücklich, wenn der Boss glücklich ist. Nur: wieso ist er GERADE jetzt so glücklich als hieße er Alfred Jodocus Quack? Wir werden es sogleich erfahren, als er direkt in die Kamera spricht.
Dynamite: „Liebe GFCW-Galaxy. In bereits zwei Wochen ist es nun tatsächlich soweit: in einem neuerlichen ‚5 on 5 Elimination Jason Crutch Invitational‘-Match wird der oder die No 1 Contender auf den Intercontinental-Championtitel bei Title Night ausgekämpft. Die restlichen Plätze der jeweiligen Teams füllen sich langsam. Allerdings bin auch ich noch einen Platz schuldig.“
Das ist er tatsächlich. Und wir wissen, worauf er hier an dieser Stelle hinauswill. Oder?
Dynamite: „Vor zwei Wochen habe ich verkündet, dass es mir und uns gelungen ist, einen ehemaligen GFCW-Intercontinental-Champion zu verpflichten. Und wie es das Los wollte, wurde diese Person in das Team um Jason Crutch, Tommy Qurashi, Tsuki Nosagi gewählt. Wie versprochen, werde ich den Namen nun hier verkünden. Beziehungsweise mache das nicht ich, sondern die Videoleinwand!“
Und mit einem bestätigenden vorsichtigen Kopfnicken verabschiedet sich Dynamite von der Leinwand, während das Bild ausfadet.
Das Bild wird schwarz. Dann:
Brainwashed– Tokyo, Japan – 09.09.2007
Langsam werden Bilder eingespielt…
Schloty liegt immer noch regungslos außerhalb vom Ring, und Steve Fog zeigt nun an, dass er das Match beenden will. Er nimmt nun Divinus wieder hoch und setzt seinen STO an, doch wie aus dem Nichts kontert Divinus diese Aktion und zeigt seinen Finisher, den Salvation, einen Firemen’s Carry Cutter, und setzt sofort das Cover an… 1…2…3!!
Sieger des Matches und neuer Intercontinental-Champion: DIVINUS!!!
Wir sehen, wie der maskierte Muskelmann den Titel überreicht bekommt und sich dann auf Knien bekreuzigt. Das Bild mit Divinus mit dem IC-Titel friert ein. Dann faden wir aus.
In großen Lettern steht auf der Videoleinwand:
DIVINUS
Pete: „Aber…aber das ist unmöglich!“ Sven: „Das…kann nicht sein?!“ Pete: „Divinus ist nicht einfach Divinus…ja, er ist ein ehemaliger GFCW-Intercontinental-Champion. Aber Divinus ist mehr…viel viel mehr…“ Sven: „Spann uns nicht auf die Folter, werter Kollege…“ Pete: „Das kann doch unmöglich wahr sein…oder? Divinus ist nämlich…“ Sven: „Schhhhhht…guck auf die Leinwand. Es geht weiter!“
Title Night – Rostock, Deutschland – 16.12.2007
Wir sehen im Ring: Al Simmons und eine Dame. Nachdem das Licht in der Halle aus- und wieder angegangen ist, steht plötzlich besagter Divinus in der Ringmitte hinter Al Simmons. Vor Schreck und zum Amüsement des Publikum stürzt der stets verhasste Simmons auf den Hosenboden…und Divinus nimmt die Maske ab. Zum Jubel der Massen in Rostock kommt darunter GFCW-Legende Tommy Cornelli zum Vorschein. Dann fadet das Bild langsam wieder aus – und auf der Leinwand steht erneut in großen Lettern:
DIVINUS
Nun, wieder live in der Halle, sehen wir die aufkochenden Reaktionen der Fans. Einige haben die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Andere liegen sie vor Freude auf und ab hopsend in den Armen. Anderen stehen die Münder offen. Manche schütteln ungläubig den Kopf.
Pete: „Das…kann aber doch nicht sein…ist Tommy Cornelli zurück??“ Sven: „DIVINUS ist zurück – das ist doch wohl klar! Kannst du nicht lesen?“ Pete: „Aber…Divinus ist Tommy Cornelli…!“ Sven: „Zieh deine eigenen Rückschlüsse!“ Pete: „Ich kann es gar nicht fassen…!“
Wenigstens ein Team scheint komplett zu sein:
Jason Crutch Tommy Qurashi Tsuki Nosagi Daniel (??) Divinus
Die Stimmung Backstage ist irgendwo zwischen Fremdschämen und Ernüchterung zu verorten. „The Aion“ Miria Saionji hatte sich ohne Zweifel eine wunderbare Ansprache überlegt, warum Millys Sieg gegen Meathook gut und wichtig war, doch gab es ja nun keinen Sieg, sondern eine fürwahr beschämend dämliche Niederlage. Man könnte meinen Milly wäre die Hamburgerin bei der LPG – und sogar die haben nach etlichen Anläufen ja den Wiederaufstieg geschafft. Der Empfang Backstage für die gerade soeben unterlegene Milly ist jedenfalls entsprechend unterkühlt. „Miss Eternity“ hat einen Blick für die Phönixdame, der Bände spricht und auch die groß gewachsene Schneewölfin Skaði Fenrir hat keine Worte des Grußes für ihre Stablekameradin übrig. Vielmehr gucken sowohl die schwarzmähnige Japanerin als auch die Schneewölfin mit den grauweißen Zotteln die feurig Gefiederte einfach nur an von wegen „war das da jetzt gerade dein verdammter Ernst?“ Aber sie müssen auch nichts sagen, weil es nun aus Milly herausplatzt.
Milly Vermillion: „Man sollte meinen wer so hochtrabend spricht wie du hätte ein Vokabular, das groß genug ist, um mich darin zu bestätigen, dass dies kompletter Mumpitz war. Wie wäre es mit Sätzen wie ’dieser Captain Hook hat echt Glück gehabt, du bist natürlich eigentlich so viel mächtiger als er, wie wir wissen’. So oder so ähnlich.“
Der Kuss geht zur Kette. Wie man es von Rasmus Rantanen kennt, auch nach Wochen der Abwesenheit. Doch was ist es, dass der Kieler damit ausdrücken will? Ein Dank, dass er auf dem richtigen Pfad wandelt? Oder eine Bitte, dass ein mutiger Plan nicht zu einer großen Katastrophe führen mag?
Er strafft die Schultern. Jeder Muskel in seinem Körper scheint gespannt und presst den Rückkehrer in eine aufrechte Haltung. Sein Gesichtsausdruck ist ernst und steif, nur im Mundwinkel deutet ein kleines Kräuseln an, als wen man Rantanen kennengelernt hat: Als spöttischen, hochmütigen Mann, dessen Gottvertrauen – im Wortsinn – durch nichts zu erschüttern ist. Oder wie man aus heutiger Sicht sagen muss: Zu erschüttern war. Doch dann kam die Hölle. Dann kam Iray Burch.
Rantanen hebt den Blick und setzt sich in Bewegung. Mit festen Schritten steuert er durch den Backstagebereich, Meter für Meter kommt er dem Vorhang näher. Und damit dem Zeitpunkt der Entscheidung. Was er vorhat, hat er bereits vor zwei Wochen in seiner Ansprache klargemacht. Und sogar noch einmal zwei Wochen vorher, bei Carnival of Combat, bereits mit einem Eingriff gegen Iray Burch alles Nötige in Bewegung gesetzt.
Mac Müll: „Rasmus! Du wirst deine Ankündigung umsetzen und Iray Burch herausrufen. Zeit für ein paar Worte hierzu?“ Rasmus Rantanen: „Nein.“
Kein Zögern. Kein Stehenbleiben. Rasmus Rantanen geht einfach weiter. Er nimmt Mac Müll nur aus dem Augenwinkel war und in eben jenem Augenwinkel verschwindet der Reporter auch schnell wieder. Zwar hat Mac noch das Mikrofon in der Hand, doch nicht mehr den Glauben, Rantanen für ein Gespräch erwischen zu können. Mac lässt abreißen. Er lässt Rantanen ziehen. Richtung Ring.
Nun schwingt die Kamera herum, zeigt den Kieler von hinten, wie er breitschultrig auf sein Ziel marschiert. Rasmus befindet sich im letzten Gang. In der Ferne ist bereits der Vorhang zu sehen. Die Mitarbeiter treten zur Seite, lassen den Protagonisten dieser Minuten durch. Nur eine Person bleibt stehen. Mehr noch: Sie tritt mitten in den Gang und versperrt Rasmus Rantanen den Weg. Als sich diese Person aus der Masse an Backstagemitarbeitern herausschält, ist schnell der Unterschied zum gemeinen Crew-Mitglied ausgemacht. Wer dort mit guten 120 Kilogramm fast den gesamten Gang ausfüllt, ist niemand anderes als Darragh Switzenberg.
Darragh Switzenberg: „Dreh um, Rasmus Rantanen. Iray Burch wird deiner Herausforderung nicht folgen.“
Rantanen bleibt stehen. In seinen Augen ein Funkeln. Hass. Nein, Switzenberg ist es nicht, der ihn monatelang außer Gefecht gesagt hat. Aber er ist der Orchestrator des Ganzen. Der mittelbare Täter im juristischen Sinn.
Rasmus schluckt seine Wut herunter und zwingt sich, Switzenberg mit der gleichen Hochmütigkeit anzustarren wie dieser ihn. Keine Schwäche zeigen. Und Emotionen sind eine Schwäche – wenn man mit einem Provokateur wie dem zweimaligen IC-Champion konfrontiert ist.
Rasmus Rantanen: „Und warum?“ Darragh Switzenberg: „Weil es für das Switziverse Unlimited bei einer Konfrontation mit einem wie dir…“
Ein Blick von oben nach unten und zurück. Natürlich weiß Switzenberg, wie Rantanen aussieht. Aber er weiß auch um die Verächtlichkeit seiner Geste – und kostet das Abchecken genüsslich aus.
Darragh Switzenberg: „…nichts zu gewinnen gibt. Du warst für ein paar Wochen ein nerviger Feind unserer Gruppierung, Rasmus. Du warst ein Problem. Um das wir uns gekümmert haben. Du wurdest bestraft.“
Switzenberg schickt sich an, eine Hand auf Rantanens Schulter zu legen, als würde er von oben herab mit einem Kind sprechen. Doch dann zieht er die Hand zurück, vielleicht um anzudeuten, der Körper seines Feindes sei Gift.
Darragh Switzenberg: „Nun bist du nicht mehr relevant.“
Der Kanadier spricht es aus und lässt den Satz im Raum stehen. Er wartet auf die Reaktion von Rasmus Rantanen. Darauf, dass dieser widerspricht. Wütend wird. Irgendetwas. So wie Switzenberg es formuliert hat, wäre jede Form von Reaktion ein Eingehen auf die Provokation.
Bloß: Von Rantanen kommt nichts. Er bleibt stumm.
Darragh Switzenberg: „Und vor allem wird er nicht auf deine Herausforderung reagieren, weil…“
Er legt den Kopf schief. Starrt Rantanen an.
Darragh Switzenberg: „…ICH es ihm sagen werde.“
Und nun, auf diesen scheinbar unbedeutenden Nachsatz, gibt es doch eine Reaktion von Rasmus Rantanen. Aber nicht die, die Switzenberg erwartet hat. Auf Rantanens Gesicht kehrt das charakteristische Grinsen zurück, dass man bislang vermisst hat.
Er kommt näher an Switzenberg heran. Nun ist er es, der den Provokateur spielt. Eine Paraderolle.
Rasmus Rantanen: „Du denkst wirklich, wir haben noch Jahresanfang, was?“
Fragender Blick bei Switzenberg. Eine Anspielung, die er nicht versteht. Oder nicht verstehen will.
Rasmus Rantanen: „Du bist davon überzeugt, dass diese Liga sich noch immer in der Schockstarre darüber befindet, welchen Einfluss du bei Title Night gewonnen hast. Du fühlst dich mächtig, unaufhaltsam. Du fühlst dich, als würde dein Name allein für Ehrfurcht sorgen. Du glaubst, mit deinem Switziverse ein Konstrukt erschaffen zu haben, dass das Wrestling verändert. Im Ring. Neben dem Ring. Kommerziell.“
Die Augen Switzenberg sind auf Rasmus geheftet, doch verengen sich. Seine Körperhaltung wird lauernder.
Rasmus Rantanen: „Aber merkst du nicht, dass euer Höhepunkt längst überschritten ist? Du bist aus deiner Pause zurückgekommen, nur um bei Carnival of Combat zu verlieren. Davor hast du deinen Titel verloren, um den du jetzt kein weiteres Match bekommen darfst. Und vor allem: Du bist für deine eigenen Untergebenen nicht mehr die gleiche autoritäre Figur wie am Anfang, von der jeder Befehl einem Gottesurteil gleichkommt.“
Rantanen macht noch einen Schritt vorwärts.
Höhnisches Schulterzucken bei Rantanen. Ihm jedenfalls würde niemand einfallen, will er sagen.
Rasmus Rantanen: „Aber deine größte Fehleinschätzung ist zu glauben, dass Iray Burch einen Scheiß auf dich gibt. Ich wurde nur einmal von ihm verprügelt und weiß anscheinend mehr über ihn als du über deinen eigenen Mann. Ihm ist eure Gruppierung völlig egal. Falls er überhaupt Teil des Switziverses ist. Burch will Leuten wehtun und dein Vertrag ist einfach nur das Einstiegsticket in diese Gelegenheit gewesen. Wenn sich eines Tages niemand anderes findet, wird er dich mit ebenso großer Freude zerfleischen wie jeden anderen.“ Darragh Switzenberg: „Du bist ein Schwätzer, Rasmus.“ Rasmus Rantanen: „Dann hör dir mein neuestes Geschwätz an: Gewalt findet immer ihren Weg. Und Iray und ich wollen beide Gewalt. Du hast niemandem von uns etwas zu sagen.“
Dann dreht sich der Kieler einfach um. Und geht davon. Weiter Richtung Vorhang. Switzenbergs Gesicht im Rückfeld der Kamera wird kleiner und kleiner, bis es ganz aus dem Fokus gerät und mit dem Hintergrund im Blur verschmilzt. Er wird von Rantanen stehengelassen. Wie Mac Müll zuvor.
…
…
…
Rasmus
legt die Hand an den Vorhang.
Aus dem Hintergrund, der Unschärfe der Kamera, schießt ein Körper heran und reißt Rantanen um. Der Kieler geht zu Boden. Die Kamera wankt, das Bild verschwimmt. Das Geräusch von klatschenden Fäusten auf ungeschützter Haut mischt sich mit dem Gemurmel und den Schreien der Umstehenden, die ebenso kalt erwischt wurden wie Rantanen.
Die Person, die auf Rantanen einschlägt, ist nicht Darragh Switzenberg. Es ist Iray Burch.
Der Mann, den Rantanen herausrufen wollte, ist ihm zuvorgekommen. Burch ist über Rantanen wie ein Kampfhund. Wortlos, doch nicht still. Sein stoßweise gehender Atem und ein zufriedenes Grunzen begleiten jeden seiner Angriffe, die vom puren Willen nach Schmerz angetrieben wurden. Rantanen nimmt die Arme vor das Gesicht, um die Bereiche zu schützen, die am verletzlichsten sind. Eine Haltung, die verständlich ist, nachdem der letzte Angriff zu mehreren Monaten Pause geführt hat. Und doch wirkt der Versuch der Abwehr abermals bedeutungslos. Der Schutz, den Rantanen um sich zu errichten versucht, ist nur ein weitere Schicht Fleisch und Knochen, an der sich der Bastard Iray Burch abarbeiten kann.
Iray Burch: „Mein Spielzeug ist zurückgekehrt.“
Ob er den Mensch Rasmus Rantanen oder dessen Kette meint, bleibt unbeantwortet. Die schwieligen Finger Burchs schließen sich um das Schmuckstück an Rantanens Hals. Er beginnt daran zu zerren. Will die Kette an sich reißen. Bislang ist diese abrupt eingeleitete Konfrontation ein exaktes Spiegelbild der schockierenden Bilder, die zu Rasmus‘ Pause geführt haben – hat Rantanen aus Rachelust ein Aufeinandertreffen herbeigesehnt, für das er keine Antwort hat?
Rantanen greift selbst nach der Kette. Beim letzten Mal ist sie entweiht wurden, in seinem Mund gelandet. Nun will er verhindern, dass er sich vom Symbol seiner Verbindung zu seinem Herrn trennen muss. Das Kreuz muss bleiben – als Ausdruck seiner Hoffnung, dieses teuflische Geschöpf zurück in die Hölle zu schicken.
Weil die metallischen Glieder einfach nicht reißen wollen, wechselt Burch das Vorgehen. Er zieht Rantanen mitsamt der ganzen Kette auf die Beine. Zerrt dessen Gesicht vor sein eigenes. Die harten, ungepflegten Barthaare Irays streichen bereits über Rantanens Haut, so nah wie er herangezogen.
Doch die Kettenglieder halten.
Mit einem Mal gibt die Kette dann doch nach. Weil Rasmus Rantanen den Verschluss am Nacken gelöst hat. Die Frage nach dem „Warum“ dieser Handlung wird geklärt, als der Kreuzaufhänger, mit der langen Seite voran, auf Burchs Gesicht zufliegt. Durch den Schwung langt eine kleine Handbewegung von Rantanen, um die Richtung zu beeinflussen.
Er drückt den Anhänger tief in Burchs Auge.
Von dem Unmensch ist kein Schmerzensschrei zu hören, nur ein ersticktes Grunzen. Aber er taumelt mit einem erblindeten, zugekniffenen Auge umher. Die Dimensionen der Welt haben sich für ihn geändert. Er will nach Rantanen greifen, doch sein Angriff ist unkoordiniert und erlaubt dem Kieler, darunter wegzutauchen.
Rantanen tritt ihm mit voller Wucht in den Unterleib.
Wieder ein ersticktes Grunzen. Burch sackt auf ein Knie. Er atmet schwer. Aber weil in seinem Kopf die Dinge anders laufen, will er trotzdem weiter voran. Seine Antwort auf den eigenen Schmerz ist es, ebenso viel Schmerz zuzufügen. Oder mehr. Seine Hand greift in Rantanens Haare. Es wirkt, als wolle er ihn nicht daran festhalten, sondern Strähne für Strähne ausreißen. Rasmus jedoch hat die Sekunden, die er mit seinen Aktionen erkauft hat, scheinbar für eine Strategie nutzen können. Er zieht ein Knie hoch und rammt es brutal an Burchs Kinn. Iray stolpert zwei Schritte zurück. Nicht viel, aber weit genug, um Rantanen Platz für Anlauf zu geben. Superkick! Wieder fällt Burch nicht. Aber er stolpert noch einmal zurück. Diesmal vier Schritte, nach denen er benommen dasteht. Abermals ein Zeitfenster, das sich für Rasmus öffnet.
Nach einem zweiten Superkick geht Burch zu Boden!
Dort liegt er auf dem Rücken. Das Auge blutrot unterlaufen. Für Rantanen ist es das erste Mal seit dem Angriff am Vorhang eine Chance, etwas durchzuatmen. Doch zunächst gilt es, den Dank auszudrücken – an den Mann, mit dessen Symbol in Burchs Auge der Richtungswechsel im Brawl begonnen hat.
Rasmus Rantanen: „Danke, Jesus!“
Ein Kuss für die Kette. Wie am Anfang des Segments. Doch er weiß, dass das nicht genug war. Iray Burch ist bereits wieder dabei, sich aufzurappeln. Er schüttelt den Schmerz ab wie ein Tier – im Wortsinn, indem er seinen Kopf hin und her schüttelt. Rasmus wendet sich um und sucht nach etwas, dass ihm helfen. Sein Blick fährt an den grauen Wänden des Backstagebereichs entlang. Und bleibt auf einem Feuerlöscher hängen. Er schiebt einen der Mitarbeiter zur Seite, die als Gaffer stehengeblieben waren und den Brawl verfolgt haben. Dann reißt er den Feuerlöscher aus der Verankerung mit der Aufschrift „Missbrauch strafbar“. Ob er je mit einem solchen Gerät hantiert ist, ist unklar. Denn bevor Rantanen dazu kommt, den Löschschaum auszulösen, legt sich eine Hand von hinten um seinen Hals.
Also wendet sich Rantanen um und schlägt den Feuerlöscher stumpf über Burchs Schädel. Rote Spritzer, als die Stirnhaut des Amerikaners eingerissen wird – und vielleicht mehr. Sein fallender Körper ist noch nicht ganz am Boden angekommen, als sich bereits eine rote Maske auf seinem Gesicht ausgebreitet hat. Das Blut strömt die Barthaare herunter.
Rantanen steht über ihm. Und hebt noch einmal den Feuerlöscher. Da wird er herumgerissen. Es ist Darragh Switzenberg.
Darragh Switzenberg: „Genug!“
Der Anführer des Switziverse versucht, Rantanen wegzuziehen. Doch der ist zu geladen, um hier nachzugeben. Er wechselt einfach nur das Ziel. Und findet jetzt den Haken, für den er vorher keine Zeit hat.
Er
jagt Darragh Switzenberg Löschschaum ins
Gesicht.
Und auch wenn er zwei Männer überwältigt hat: Er weiß, dass es kein Sieg von Dauer sein kann. Nicht bei Kolossen wie Switzenberg und Burch. Rantanen macht das Klügste – er lässt den Feuerlöscher fallen und bringt sich in Sicherheit. Seine Botschaft war klar genug.
Als Rantanen auf Abstand ist, setzt sich Iray Burch auf. Das Blut tropft sein Gesicht herab und strömt noch immer auf der Wunde an der Stirn. Sein rechtes Auge, wo er durch die Kette verletzt wurde, ist halb geschlossen. Um die Pupille ist alles dunkel.
Aber auf seinem Gesicht…ist eine Art Lächeln.
Iray Burch: „Das hat Spaß gemacht.“
Er richtet sich zu voller Größe auf.
Iray Burch: „Nun will ich dich töten.“
Burch fährt sich mit der Hand durchs Gesicht und verschmiert sein Blut noch in die letzten Winkel, die sauber geblieben waren.
Iray Burch: „Bei Title Night.“
Endlich hat Darragh Switzenberg den Löschschaum vertrieben und aufgehört zu husten. In seinem ersten „klaren“ Moment hört er die Worte von Iray Burch. Er legt seinem – mutmaßlichen – Stablemitglied eine Hand auf die Schulter.
Switzenberg schüttelt eindringlich den Kopf. Burch…reagiert nicht.
Iray Burch: „Falls Count Anywhere.“
Die Mülltonne.
DIE Mülltonne…?
Ob es das gleiche Objekt ist, welches für #AyaGate herhalten musste, ist nicht eindeutig. Jedenfalls steht es auf der Rampe.
Caracal Matthews tanzt auf die Rampe. Der Influencer trägt ein ärmelloses gestreiftes Shirt und seine Haare offen. Bei jeder Pirouette, die sein athletischer Körper vollführt, wirbelt seine Frisur umher und das Grinsen wird breiter. Doch als er an der Mülltonne ankommt, wird sein Gesicht ernster.
Caracal Matthews: „In dieser Mülltonne…“
Er tritt gegen das Objekt.
Caracal Matthews: „…hätte vor zwei Wochen nicht der Tag-Team-Title liegen sollen.“
Eine Aussage, die unerwartet aus dem Munde von Matthews ist. Schließlich geht es ihn persönlich wenig an. Flip Trip ist seit Jahren Geschichte und damit auch jede Ambition von Matthews, sein Spotlight mit einem Partner zu teilen.
Caracal Matthews: „Sondern die gesamte Liga hätte darin entsorgt werden müssen.“
„BUUUUH!“
Caracal Matthews: „Tommy Qurashi? Rrrreeeeein da. Jason Crutch? Auch. Aber sofort. Robert Breads?“
Jubel bei den Zuschauern. Nach der Aktion gegen Aiden Rotari ist die Sympathie zurück beim Hall of Famer.
Caracal Matthews: „Aber sowas von. Egal, ob wir in zwei Wochen in einem Team sind. Ich bin einfach nur ehrlich. Und ich könnte noch viel mehr Namen aufzählen, doch es ist und bleibt das gleiche Urteil, welches Caracooooooooo…“
Er holt tief Luft und beugt seinen Rücken nach hinten durch, um es der Decke entgegenzuschreien.
Caracal Matthews: „...ooooooooooooooooooo…“
Das Gesicht läuft rot an, der Atem knapper. Aber Matthews zieht durch.
Caracal Matthews: „…oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo…“
„BUUUUH!“
Caracal Matthews: „…oooooool da sprechen würde. Und es lautet: Hopp, hopp in die Tonne. Die gesamte Liga hat schlicht keinen Rhythmus. Und damit keinen Wert. Caracooool Royale kann das nicht akzeptieren. Es ist Zeit für eine Qualitätsoffensive wo radikal ausgesiebt wird. Doch scheinbar ist niemand willig, diesen Job zu übernehmen.“
Trauriges Kopfschütteln beim ehemaligen No. 1-Contender auf den IC-Titel. Einen Preis, den er trotzdem nie gewinnen konnte.
Caracal Matthews: „Deswegen werde ich heute den Anfang machen. Und ich werde beim langweiligsten Mitglied des Förderkaders beginnen. Bei einem Mann, der trotz einem X im Namen ein hammerlangweiliger Vogel ist.“
Zaghaft ertönen aus den Kehlen der Zuschauer Anfeuerungssrufe für Matthews‘ heutigen Gegner.
Caracal Matthews: „Nach dem heutigen Tag wird sich niemand mehr fragen, ob Dex Blarney einen Festvertrag im Main Roster verdient. Vor zwei Wochen habe ich Viggo geschlagen, heute werde ich mit seinem Schüler noch leichteres Spiel haben. Doch das ist eine gute Sache, denn so bleibt mir mehr Zeit…“
Er wackelt mit den Hüften.
Caracal Matthews: „…für einen Tanz! Schau jetzt ganz genau hin, Sabrina.“
Matthews rennt in den Ring, springt sofort auf und beginnt in der Mitte der Matte, eine Choreographie zu seiner eigenen Musik…
…die sogleich unterbrochen wird.
Blarney erscheint auf der Rampe. Sein Auftritt der komplette Kontrast zu Matthews: Der Gesichtsausdruck ist ernst, seine Körpersprache ruhig. Er tanzt nicht. Nein, er hat nicht einmal einstudierte Schritte zum Ring.
Er marschiert schnellen Schrittes auf den Ring zu und ist nicht bereit, sich mit irgendwelchen Nebenschauplätzen abzulenken. Er weiß, worum es hier geht: Um seinen Vertrag.
Pete: „Wir erinnern uns noch einmal: Viggo hat der Abmachung zugestimmt. Wenn Dex Blarney hier gewinnt, dann erhält er einen Vertrag und darf den Förderkader verlassen. Damit ist der Coach dem Vorschlag seines Trainees gefolgt.“
Als Blarney die halbe Strecke Richtung Geviert hingelegt hat, wird es kurz laut. Denn hinter ihm tritt Viggo selbst aus dem Vorhang. Der Coach lässt es sich nicht nehmen, den Kampf mit eigenen Augen anzusehen. Er wirkt nicht zwingend wie eine moralische Unterstützung für Blarney, der scheint vielmehr heute auf eigenen Beinen zu stehen. Viggo ist schlicht ein neutraler Beobachter.
Und als eben jener Beobachter sieht er, wie Blarney über die Ringtreppe ins Squared Circle gelangt.
Wo Caracal Matthews noch immer tanzt. Diesmal aus Protest zu Blarneys Theme. Um zu zeigen, dass selbst der langweilige Song seines Kontrahenten verbessert werden kann, wenn man die passende Choreographie hat. Oder einen sicken Freestyle-Dance auspackt. Sowohl Dex als auch Viggo schüttelt darüber nur den Kopf. Während alle, inklusive des Offiziellen, darauf warten, dass Matthews sich dazu bequemt, den Kampf zu beginnen, nimmt Viggo bei den Kommentatoren Platz.
Schockstarre nach dem „Kampf“. Beziehungsweise nach den verwirrenden Sekunden, die formell gesehen tatsächlich ein Kampf waren. Und nicht irgendein Kampf, sondern einer, der über die Zukunft von Dex Blarney entschieden hat. Und für den Mann, der bisher so aufopferungsvoll um seine Zukunft gekämpft hat, ist er aus dem völligen Nichts damit geendet, dass eine einzige Gelegenheit ergriffen werden musste.
Caracal Matthews schmeißt seine Siegesserie durch einen Tanz weg. Einen Tanz zu viel.
Nicht nur das Publikum ist verdutzt. Am Meisten ist es Dex Blarney selbst. Er hockt auf der Matte und ist seit dem Pin noch nicht aufgestanden. Neben ihm rollt sich Caracal Matthews, die Arme vor dem Magen verschränkt, gerade aus dem Squared Circle. Thorsten Baumgärtner greift nach Blarneys Arm und zieht den Cowboy auf die Beine. Hebt dessen Arm in die Luft.
Laura: „Der Sieger des Matches durch Pinfall: Dex Blaaaaaarney!“
Aber ist das der Entscheidungskampf, den Viggo sehen wollte? Kann SO über Vertrag und Nicht-Vertrag entschieden werden?
Auch Viggo war seit dem Sekunden-Kampf wortlos geblieben. Nun setzt er langsam und bedächtig das Headset ab. Er nickt Sven und Pete zu, tritt hinter dem Pult hervor und geht auf den Ring zu.
Ohne große Inszenierung slidet Viggo auf die Matte und stellt sich Dex Blarney gegenüber. Die Blicke des Coaches und des Youngsters treffen sich. In welcher Konstellation stehen sie nun gegenüber? Trainer und Trainee? Oder zwei gleichwertige Main Roster-Wrestler?
Viggo
hält ein Mikrofon in der Hand.
Viggo: „Also…“
Sein Gesichtsausdruck ist ernst. Man kann seine Gedanken nicht entziffern, aber hier ringt jemand mit sich, das ist klar. Noch immer hat er die Ungläubigkeit über den Kampfverlauf nicht abschütteln können.
Dann ein Kopfschütteln. Ein Lächeln, nicht aus Freude, sondern aus Ungläubigkeit.
Viggo: „Das war nicht der glorreiche Kampf, den ich sehen wollte.“
Blarney stutzt. Das Publikum wird unruhig.
Viggo: „Aber das Resultat, das ich sehen wollte.“
„YES!“ „YES!“ „YES!“
Viggo: „Und Abmachung ist Abmachung. Du hast deinen Vertrag.“
Er greift in die Jackentasche und reicht ein Dokument an Dex weiter. Der nimmt es, trotz seiner sonst so reservierten Art, mit einem breiten, jungenhaften Grinsen an sich. Drückt es an die Brust wie einen wertvollen Besitz – was er ja auch faktisch ist.
Viggo: „Nun haben wir beide den gleichen Status. Main Roster-Wrestler. Ich kann keine Prognose abgeben, ob dieser Schritt zu früh für dich kommt. Aber ich kann eine Prognose abgeben, was jetzt geschieht.“
Er legt Blarney eine Hand auf die Schulter.
Viggo: „Jetzt hat niemand mehr einen besonderen Blick auf dich. Du stehst nicht mehr unter Beobachtung. Du bist jetzt einer von vielen. Das ist nicht negativ gemeint, das ist die Wahrheit. Jetzt liegt es ganz an dir, auf dich aufmerksam zu machen, sonst verschwindest du schneller aus der Wahrnehmung, als du es glauben wirst.“
Blarney nickt mit feierlichem Ernst. Er nimmt die Worte nicht als Provokation, sondern als gutgemeinten Ratschlag hin.
Viggo: „Suche dir gute Gegner und mache deinen Job. Und einer dieser Gegner wird vielleicht eines Tages ein Mann sein…“
Jetzt wird das Grinsen von Viggo breiter.
Viggo: „…der wieder ein Vollzeitathlet ist, nachdem seine Trainertätigkeit bei Title Night endet.“
Er weiterer Schulterklopfen von Viggo für Dex. Werden sie sich eines Tages wirklich begegnen? Kann Dex die letzten Zweifel ausräumen, die nach seinem komischen Sieg am heutigen Tag ihn zweifelsfrei begleiten werden?
Doch erst einmal können diese Fragen nicht beantwortet werden. Denn dies ist nur der Tag, an dem die erste Etappe genommen wurden.
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