War Evening, SECC (Glasgow), 19.04.2024


In Kooperation mit




Celtic oder Rangers?


Wenn man unsere beiden Kommentatoren, Pete und Sven, nach ihren jeweiligen Farben einsortiert, dürfte die wichtigste Frage im Glasgower Raum geklärt sein. Da wir aber nicht wissen, was Pete und Sven wirklich über schottischen Fußball denken und auf wessen Seite sie im April 2008 standen, als Shunsuke Nakamura – nur ein ähnlicher Name, nicht der gleiche – DAS Tor schoss, müssen wir uns auf andere Fragen konzentrieren.

Fragen, die mit der GFCW zu tun haben.

Pete: „Meine Damen, Herren, und alle außer- und innerhalb des Genderspektrums, herzlich Willkommen zu GFCW War Evening!“

Sven: „Der Titel der heutigen Ausgabe ist: „Das mysteriöse Verschwinden von Zereo Killer“, Pete.“

Pete: „Nein, ist es nicht. Unsere Ausgaben haben keine Episodentitel.“

Sven: „Wir sollten sie einführen.“

Pete: „Das sehe ich anders.“

Sven: „Warte, bis ich etwas anderes einführe, und zwar in DEINE MUT…“


Singles Match
Renegade vs Mike „The Mirror” Müller


Pete: “Renegade ist zurück, und wie: Bei der letzten Show hat er eindrucksvoll Aiden Rotari daran gehindert, gegen Ask Skogur anzutreten und Aiden so vielleicht um ein WEITERES Titelmatch gebracht… womit ich jetzt keine großen Probleme habe. Das hier, heute Abend, ist sein zweites Match in der GFCW, und er wird versuchen, bei seinem offiziellen Comeback seinen ersten Sieg zu holen.“

Sven: „Dabei kämpft er gegen Mike Müller, den übertriebenen Volltrottel, dessen größte Errungenschaften es sind, von Kriss Dalmi beinahe totgeprügelt zu werden und mit DJ Freundlicher Orang-Utan befreundet zu sein. Kein Plan, was „The Mirror“ schon wieder für eine beknackte Scheiße sein soll, aber wir können uns sicher sein, dass es dumm und wenig erfolgsversprechend wird!“


Singles Match
Viggo vs Timo Schiller


Pete: “Wir haben Ask schon erwähnt, und bei diesem Match steht er im Mittelpunkt, obwohl er kein Teilnehmer ist. Unser Intercontinental Champion hat in seiner Zeit in der GFCW gegen so einige Widrigkeiten bestehen müssen und es war ein steiniger Weg zum Titel. Sein vielleicht größter Feind: Holly Hutcherson.“

Sven: „Auch der ist nicht in diesem Match, seine beiden ehemaligen Lakaien allerdings schon – auf verschiedenen Seiten. Viggo möchte… naja, auch das ist nicht so einfach. Er möchte eine bestimmte Art von Beziehung mit Ask, von der ich mir nicht sicher bin, wie die eigentlich auszusehen hat und wie viel von dem, was Viggo so von sich gibt, ernst gemeint ist, aber… dafür brauch er erstmal Asks Aufmerksamkeit und ein gewisses Maß an Vertrauen von Skogur.“

Pete: „Beides soll er sich hier, heute Abend, verdienen, wenn er Timo Schiller gegenübertritt. Neben Rotari der originale Performance Center Recruit, der es in Prä-GTCW in die GFCW schaffte, landete er irgendwann in Hollys Fängen… und in einem Kampf mit Ask. Eine Menge Historie, eine Menge Drama, komplexe Beziehungen: All das kulminiert hier und heute in diesem Match zwischen zwei ehemaligen Brüdern im Geiste!“


Das ultimative VIP-Fan-Meet and Greet mit dem "Bronzed Adonis" Steve Steel


Sven: „ER IST ZURÜCK, PETE!“

Pete: „Ganz recht. Der Bronzed Adonis feiert einmal mehr seine Rückkehr in die GFCW, und zwar…“

Sven: „MARKUS RÜHL!“

Pete: „Was willst du nun schon wieder?“

Sven: „MATTHIAS CLEMENS!“

Pete: “Ach, was weiß ich. Wir sind gespannt, was er sich für die zahlreichen Fans, die sich ein Ticket für dieses besondere Ereignis gekauft haben, überlegt hat.“

Sven: „Hoffentlich eine No-Show.“


Tag Team Match
T’n’B (Tha Bomb & Titan) vs Raymond “Morbeus” Douglas & ???


Pete: “Ein weiteres Comeback: Morbeus!“

Sven: „Ohne Urban Ultras, ohne Familie, dafür mit einem neuen Ziel: Die GFCW Triple Crown.“

Pete: „Ganz Recht. Dazu fehlt ihm noch der Tag Team Title, der dank Aiden Rotari momentan vakant ist, und wenn es um Tag Team Titel geht, sind Titan und Tha Bomb natürlich nicht weit, weshalb sie Morbeus auch gleich gegenüber getreten sind, als er seine Rückkehr zelebrierte.“

Sven: „Ganz genau. Hier ist die spannendste Frage natürlich: Wer wird der Mystery Partner von Morbeus?“

Pete: „Ja. Seine offensichtlichsten alten Freunde sind nicht hier, und ansonsten ist Morbeus nicht unbedingt beliebt. Ich habe nicht einmal eine Ahnung, wer es sein könnte. Nicht, dass er am Ende ohne Partner dasteht, und ein Handicap Match bestreiten muss.“

Sven: „Das wäre ganz schön peinlich. Zum Glück weiß ich schon, wer Morbeus als Partner vorschwebt.“

Pete: „Achja?“

Sven: „Ne, verarscht, du Dummbatz. Woher soll ich das wissen? Junge, Pete, bist du bescheuert.“

Pete: „Das ist… du bist eine Katastrophe, Sven, weißt du eigentlich…“

Sven: „Verarscht! Ich weiß es doch! Morbeus wird es nämlich bei Leighton Meester probieren.“

Pete: „…klar. Sei’s drum: Wir haben eine pickepacke volle Show! Zusätzlich zu den Matches sehen wir auch noch mehr von World Champion, Contender und zukünftigem Contender: The End, Robert Breads und Aiden Rotari. Ask Skogur, unseren Intercontinental Champion, haben wir auch auf dem Zettel, und dann ist da ja auch noch das Schicksal von Aldo Nero… und wer weiß, was uns sonst noch erwartet?“

Sven: „Amy Lee.“

Pete: „Viel Spaß bei War Evening!“



In den Katakomben der Arena herrscht reges Treiben. Der GFCW-Staff versucht diese War Evening-Ausgabe in bekannter Manier professionell über die Bühne zu bekommen. Das geht nicht ohne Arbeit, wenn auch nicht immer alles perfekt läuft. Auch Wrestler sind zu sehen, die sich entweder auf ihr Match vorbereiten, oder eben einen mehr oder minder normalen Arbeitstag genießen.


Die Kamera zoomt dann näher dran, als ein Rotschopf die Szenerie betritt. Raymond „Morbeus“ Douglas wirkt genervt. Weder unwirsch noch alkoholisiert oder manisch. Einfach schlecht gelaunt und etwas desperate. Wie jemand der auf dem großen Basar des Hochzeitsmarktes nicht zum Zuge kommt. Wortlos geht er an dem ein oder anderen Shootingstar mit GTCW-Wurzeln vorbei, schließlich hat er sein neuestes Ziel klar anvisiert: seinen Landsmann und Urgestein Robert Breads.


Der weiß noch nichts von seinem Glück und blickt stirnrunzelnd auf das Smartphone in seiner Hand, auf der irgendetwas unglaublich interessantes stehen muss. Geistesabwesend bewegt Breads dabei die verletzte Schulter, welche nicht mehr in einer Schlinge steckt, jedoch noch immer lädiert zu sein scheint, wenn man den vorsichtigen Bewegungen Breads‘ Glauben schenekn darf.


Douglas nähert sich Breads, indem er mit einem etwas aufgesetzten Grinsen den Blickkontakt zu „Canadas Own“ sucht und dann wie ein Key Account Manager nicht lange mit Vorgeplänkel abmüht, sondern direkt den „Deal“ eintüten will.


Morbeus: „Robert, dich kriegt auch keiner klein. Hut ab! Habe dein Statement der letzten Show gerne angesehen. Du willst es also nochmal wissen, dir nochmal die Krone aufsetzen. Und dabei dachte ich, selbstredend nicht ganz uneigennützig, das könnten wir beide doch zusammen am besten umsetzen?“


Breads will gerade ansetzen, da hebt Morbeus noch einmal die Hand. Er ist noch nicht fertig.


Morbeus: „Ja, ja. Ich habe auch nie geträumt, dass wir beide mal ein Tag Team sein könnten. Aber sehe es doch mal pragmatisch. Die ganz großen Teams sind aktuell nicht in der Liga…und das ist nun der Shortcut to the top! Lazy mans dream?! TnB laufen hier wieder rum, die sind sogar noch älter als wir. Die Titel liegen auf dem Silbertablett und ich will sie. Aber ich brauche jemanden, der weiß wie es geht und du scheinst aktuell eben auch nicht richtig ausgelastet zu sein. Die Jungen hier, da habe ich leider gar keine Connections zu. Wie weit sind die? Technisch vermutlich gut, vielleicht sogar talentierter als wir. Aber vom Kopf? Meine Karriere ist zu weit fortgeschritten für Experimente dieser Art. Wir sind doch beide aus Ahornholz geschnitzt, mein Lieber….“


Douglas versucht seine Überredungskünste mit etwas gespielter Kumpanei Nachdruck zu verleihen. Doch Robert Breads atmet erstmal tief durch…..


Robert Breads: „Auch an dich herzlich Willkommen zurück, würde ich sagen. Nun… vielleicht nicht „herzlich“. Aber Willkommen zurück.“


Breads beäugt den Mann vor sich mit etwas, das nicht ganz Misstrauen, sondern eher ein „Ich weiß, was du vorhast“-Gefühl sein könnte. Er steckt das Mobiltelefon in die Hosentasche und hebt die Augenbrauen, während er Morbeus von Kopf bis Fuß beäugt, als würde dieser gerade sein Try-Out bei der GTCW bekommen.


Robert Breads: „Ich denke, es wäre The End gegenüber mehr als beleidigend, wenn ich mich selbst als „nicht richtig ausgelastet“ bezeichne, wo doch mein Titel-Match mit ihm ansteht.“


Solider Punkt. Ein Duell mit dem aktuell besten Wrestler der GFCW, der vor ein paar Wochen noch den ewigen Breads-Feind Zereo Killer – seines Zeichens der größte Star in der Geschichte der Promotion – besiegen konnte, sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden – schon gar nicht, wenn diese Schulter in dubiosem Zustand ist.


Robert Breads: „Ich bin zwar von den Ärzten gecleart, aber mir ist recht deutlich mitgeteilt worden, dass ich mich schonen soll, wenn ich in London bei einhundert Prozent sein will, und selbst dann kann man es nicht garantieren. Ich würde sogar behaupten, das Letzte, was ich brauche, ist ein Nebenschauplatz, auch wenn ich es sehr genießen würde, Titan und Tha Bomb eins auszuwischen. Allerdings nicht genug, um meine Chancen auf den World Title zu verringern.“


Eine kurze Pause, in der Robert zu überlegen scheint. Eine gewisse Neugier hat sich in seinen Gesichtsausdruck geschlichen, und die scheint er befriedigen zu wollen.


Robert Breads: „Es sei denn, du hast einen spektakulären Grund, gerade mir dieses Angebot zu machen, von dem ich noch nichts weiß. Ich bin zwar ehemaliger Tag Team Champion und vermutlich vom Können her die beste Wahl, die du treffen kannst, aber wir sind ja auch nicht unbedingt immer… Freunde gewesen.“

Vor ziemlich genau drei Jahren waren Breads und Morbeus um die GFCW Intercontinental Championship aufeinandergetroffen, der einzige Titel, der Breads noch gefehlt hatte, um die Triple Crown zu vervollständigen. Da er noch immer kein Triple Crown Champion ist, wird der findige GFCW’ler sich im Klaren darüber sein, dass Morbeus damals gewonnen hat. Und nun will er, dass Breads ihm beim Erreichen eben jenes Zieles hilft, wo er es doch Robert damals selbst verbaut hatte?

Morbeus: „Ach ja, das war was. Ich habe mein Freundebuch mal wieder nicht dabei, aber was du mal später werden willst….hat auch nicht mehr die ganz große Relevanz. Egal. Wir waren keine Freunde, wir waren Gegner. Wir beide wollten den Titel. Du hättest Triple Crown Champion werden können, aber ich stand in deinem Weg. Doch ich habe in diesem Match gemerkt, welch kompetitiven Gegner ich da habe. Die Gier das letzte Puzzlestück zur Vollendung noch zu ergattern, habe ich in deinem Auge gesehen. Ich dachte nun: Wer kann dir einen Titelgewinn garantieren? Jemand der es so will, wie ich. Und ganz ehrlich, Robert. Ich bin in gewisser Weise auserzählt. Ich habe keine Freunde mehr in der GFCW. Die meisten sind weg und Everybodys Darling werde ich in diesem Leben auch nicht mehr. Scheinbar ist es mal wieder schlechtes Timing meinerseits, aber ich frage mich: welche Relevanz haben Männer wie wir noch in dieser Zeit? Du hast ein neues Betätigungsfeld mit dem Performance Center gefunden. Aber was soll ich tun? Ich kann nur wrestlen und da suche ich jeden Strohhalm und du bist offenkundig dieser für mich, auch wenn das nicht auf Gegenseitigkeit beruht.“


Ein etwas geknickter, von der Mid-Life Crisis gekennzeichneter Morbeus, schweift den Blick umher, wartend auf eine sich schon längstens abzeichnende Antwort eines alten Weggefährten…


Robert Breads: „Du wirkst fast schon verzweifelt. Am Boden.“


Breads stellt das recht nüchtern fest, aber zumindest ein gewisser Grad an Mitgefühl schleicht sich in die Stimme des Kanadiers.


Robert Breads: „Ich kann verstehen, dass du jemanden brauchst, der für dich da ist. Als ich eine große Krise hatte, als ich Match um Match verlor, hätte ich mir auch gewünscht, dass ein Mann, mit dem mich Herkunft und Generation verbinden, mir unter die Arme greift.“


Man kann das große „Aber“ förmlich schmecken, bevor Breads es, noch immer im mitleidigen Tonfall, ausspricht.


Robert Breads: „Aber du hast mir damals nie eine Partnerschaft angeboten, als du oben auf warst. Jetzt stehst du hier und jammerst, als würde die Welt enden, nachdem du dein letztes Match bei der größten Show des Jahres gewonnen hast, und die Undefeated Streak von Kyle Douglas beendet hast, der sowohl mich als auch Aiden besiegen konnte, und tust so, als ob… was eigentlich? Was soll das?“


Eine Frage, hinter der ehrliche Verwirrung zu stecken scheint. Breads schüttelt den Kopf, und deutet dann auf seine verletzte Schulter.


Robert Breads: „Selbst, wenn ich nicht verletzt wäre, würde ich nur mit dem Mann Tag Team Champion werden wollen, der immer für mich da war, und das bist nicht du.“


Eine eindeutige Anspielung auf seinen Sleaze-Partner Aiden Rotari.


Robert Breads: „Ich werde meine eigenen Ziele nicht für deine selbstsüchtige Pseudo-Freundschaft aufs Spiel setzen. Du hast Recht, du hast keine Freunde in der GFCW, RayRay. Und das ist ganz allein deine Schuld.“


Spricht es und lässt den Franko-Kanadier allein zurück. Breads hat im Moment nun wirklich andere Dinge im Kopf als Morbeus und dessen Identitätskrise.

James Corleone. Aiden Rotari. The End.

Die GFCW World Championship.



Wir befinden uns im Backstagebereich. Dort sehen wir nun auch direkt schon den künftigen Hauptherausforderer auf den GFCW World Championship, Aiden Rotari. Vor zwei Wochen ist diesem gewissermaßen ein garantiertes Titelmatch in den Schoß gefallen, ohne, dass er wirklich etwas dafür tun musste. Das verbundene Chaos, dass er damit bei dem aktuellen Champion, The End und seinem Begleiter, James Corleone verursacht hat, nimmt er dabei natürlich auch gerne mit.

Rotari durchschreitet die Gänge des Backstagebereiches nicht sehr lang, bis es einen Grund gibt anzuhalten. Und der Grund wird uns auch recht schnell offenbart, als sich der GFCW Championship Titelgürtel in Ends persönlichem Design ins Bild schiebt. Und der Champion, der den Gürtel auf der Schulter trägt, direkt hinterher.

End wirkt alles andere als erfreut darüber Rotari zu sehen und doch ist Rotari der Grund für die Anwesenheit des World Champions. Es gibt Redebedarf, den der Champion jetzt offensichtlich einfordern will. Er mustert Rotari mit einem finsteren Blick, wohlwissentlich, dass er damit wenig Erfolgsaussichten darauf haben wird, ihn auch wirklich einzuschüchtern. Aber das ist erstmal zweitrangig.


The End: „Jetzt bist du glücklich, was?“


Vorwurfsvoll spricht End den Elefanten im Raum direkt an. Natürlich geht es hier um den „Deal“ zwischen Rotari und Corleone von vor zwei Wochen.


Aiden Rotari: „Ich wäre glücklicher, wäre da in der letzten Show nicht dieses… Problem aufgetreten.“


Damit spielt Aiden sicherlich auf die Attacke von Renegade vor dem Match mit Ask Skogur an. Dennoch wirkt Rotari nicht allzu traurig.


Aiden Rotari: „Aber ich will nicht gierig werden. Der Deal von Mr. Corleone war sehr verlockend, ich konnte schlicht nicht widerstehen.“


Auch, wenn End Rotari wohl gern die Selbstsicherheit aus dem Gesicht schlagen würde, weiß er natürlich, dass Rotari Recht damit hat. Der Fehler ging von Corleone aus und Rotari hat diesen dann nur ausgenutzt. Hätte End das anders gemacht? Sicher nicht, aber darum geht es nicht. Er muss sein Gesicht wahren und darf keine Schwäche zulassen, egal, was hier richtig oder falsch ist.


The End: „Bilde dir darauf nichts ein. Jeder macht Fehler. Ich gestehe es mir nicht gern ein, aber offensichtlich stellt auch mein Manager, Mister Corleone, da keine Ausnahme dar. Du hast getan, was jeder tun würde, und das verstehe ich.“


Die Anerkennung in diesen Worten scheint echt zu sein, aber, dass „Aber“, was hier im Raum liegt, ist nicht zu übersehen.


The End: „Ich verstehe es, aber ich werde es nicht dulden. Du hast dein Match, herzlichen Glückwunsch. Sobald ich mit Robert Breads fertig bin, werde ich dafür sorgen, dass du die Bedeutung der folgenden Worte verinnerlichen wirst: Sei vorsichtig, mit dem, was du dir wünschst… den Rest kennst du sicherlich.“


End unterstreicht diese Aussage, gesprochen in einem bedrohenden Unterton, indem er weitere Sekunden verstreichen lässt ohne etwas zu sagen.

Wie gewohnt ist Aiden niemand, der mit überaus ausdrucksvoller Mimik glänzt, aber er macht sich nicht über diese Worte lustig und tut sie auch nicht ab – er nimmt nicht nur den Mann gegenüber, sondern auch dessen Aussage ernst. Rotari hat sich mit einer Mischung aus Gerissenheit, Zufall, Chaos und Glück nach ganz oben gewuselt, aber nun sind die Einsätze höher als je zuvor, und man kann sich keine Fehler leisten.

End ist im Begriff sich wegzudrehen, da stoppt er noch einmal kurz ab.


The End: „Verfalle nicht dem Glauben, dass mir entgehen würde, was du über mich sagst. Von nun an gilt, wenn du etwas von mir willst, dann wendest du dich direkt an mich. Nicht an die Kamera, nicht an Mister Corleone. An mich. Keine Deals mehr, ohne, dass ich sie vorher abgesegnet habe.“


End spielt natürlich auf Aidens Aussagen über End hinsichtlich Zereo Killer an. Dort warf Rotari dem World Champ ja vor, dass er sich nicht „endgültig“ um ZK gekümmert hätte, was nicht ganz unrichtig ist. Zereo Killer ist zwar aktuell nicht da, könnte wohl aber jederzeit zurückkommen.

Aiden scheint einen Moment zu überlegen, ob ihm eine Antwort dazu einfällt, beschließt aber dann, dass er sich mit dem höchsten Würdenträger der GFCW und wohl gefährlichsten Mann der GFCW im Moment nicht groß auseinander setzen möchte, wenn er das nicht muss – und die Möglichkeit, dass sein Sleaze-Partner das „Problem End“ für ihn löst, steht ja auch durchaus noch im Raum. Deshalb beschränkt Rotari sich auf ein bloßes Nicken, bei dem er den goldenen Gürtel, den End bei sich trägt, eine Sekunde länger als unbedingt nötig ins Auge fasst. Er hat verstanden.

End lässt seine Aura noch etwas wirken, bevor er sich schließlich vollends von Rotari abwendet. Ein letzter finsterer Blick, bevor er wieder verschwindet.



Mac Müll: “Ich verstehe nicht ganz.”


Das ist jetzt nicht unbedingt etwas ungewöhnliches. Das soll nicht einmal ein Diss an den nutzlosesten und rückgradlosesten Interviewer-Versager seiner und wohl auch jeder anderen Generation sein, sondern eher darauf anspielen, wie viel dumme Scheiße Mac Müll in knappen dreiundzwanzig Jahren GFCW schon hören musste.

Er ist es also gewohnt, verwirrt zu sein.

Dennoch: Helfen tut ihm das gerade nicht. Immerhin muss er probieren, ein Interview zu führen.


Mike Müller: “Kannst du in den Spiegel sehen?”


Da ist er, der Gesprächspartner von Mac und Rückkehrer in die GFCW-Shows, Performance Center Urgestein und Partykönig Mike Müller, seines Zeichens in erster Linie dafür bekannt, das Wort “ficken” als Synonym für so ziemlich alles zu verwenden und von Kriss Dalmi im Lerbitz Ruins Match beinahe buchstäblich geschlachtet worden zu sein.

Abgesehen von einem kurzen Auftritt im Herbst letzten Jahres haben wir ihn knappe zwei Jahre nicht gesehen, und er sieht...

...irgendwie immer noch genauso aus wie vorher. Ein wenig ist ihm vielleicht das Jugendliche verloren gegangen, er wirkt ein bisschen gestresster, nicht mehr so locker, und die Anzeichen von Augenringen lungern unter seinen Glubschern.


Mac Müll: “Das fragtest du mich bereits. Ja, kann ich.”


Müller glotzt Müll an. In beiden Namen steckt das Wort “Müll”, das fällt mir jetzt gerade beim Schreiben erst auf. Ich wollte euch das wissen lassen, damit ihr darüber auch nachdenkt, und ob euch das eher stört oder ob das okay ist.


Mike Müller: “Dann sieh mich an.”


Es scheint im Hirn von Mac Müll noch immer nicht “Klick” zu machen, aber das kann man ihm nicht verübeln, denn so wirklich verständlich ist nicht, was Müller von Müll will. Mac entschließt sich, das Spiel mitzuspielen.


Mac Müll: “Okay.”

Mike Müller: “Was siehst du?”

Mac Müll: “Dich.”

Mike Müller: “Ich bin THE MIRROR.”

Mac Müll: “Okay.”

Mike Müller: “Also, was siehst du?”

Mac Müll: “Ich raff’s nicht.”

Mike Müller: “Es ist eine Metapher.”

Mac Müll: “Was ist eine Metapher?”

Mike Müller: “THE MIRROR.”

Mac Müll: “Ich dachte, du bist THE MIRROR.”

Mike Müller: “Genau!”


Aufgeregt wedelt Mike mit den Armen. Es scheint so, als wäre Mac auf dem richtigen Pfad, und das erregt Müller genug, um ein wenig lauter zu werden. Ich schreibe übrigens nun die ganze Zeit aus Versehen “Mac Müller” oder “Mike Müll”, das fuckt mich richtig ab. Dieses Segment war eine blöde Idee.


Mac Müll: “Also... bist du eine Metapher?”

Mike Müller: “Ich bin der Spiegel der Gesellschaft und halte der Gesellschaft den Spiegel vor.”

Mac Müll: “Das... widerspricht sich doch. Oder bist du ein Spiegel mit Gefühlen? Was ist der Joke?”

Mike Müller: “Das ist doch dasselbe, man! Es gibt keinen Joke! Ich bin der Spiegel! The Mirror! Du musst in den Spiegel sehen!”

Nun wirkt Mike beinahe etwas verzweifelt, als wäre der “richtige Pfad” wieder verlassen worden und dieses Gespräch sich falsch entwickeln.

Mac Müll: “Okay, also, ich sehe dann... mich? Ist der Witz, dass ich Müll bin oder so?”

Mike Müller: “Es gibt KEINEN Witz.”

Mac Müll: “Ja, klar. Als ob.”

Mike Müller: “Ich kritisiere die Gesellschaft, indem ich... mit dem Spiegel... fuck, was hat der Boss nochmal gesagt?”


Die Nervosität des Mannes, der so sehr als laufender Running Gag bekannt ist, dass Mac Müll ihm keine Sekunde lang glaubt, dass das hier kein elaborates Set-Up für einen grässlichen Witz ist, wächst spürbar. Und so langsam drängt sich der Verdacht auf, dass Müller selbst nicht so genau weiß, was er eigentlich sagen will.


Mac Müll: “Der Boss? Wer ist der Boss? Dynamite?”

Mike Müller: “Ne, das war... ah ja! Das ist Gesellschaftskritik, hat er gesagt...? Shit. Ich... ne, die Gesellschaft waren die Fans, und die sollen in den Spiegel gucken, wegen... also, man behandelt dich doch immer schlecht, und Schuld sind die Fans, weil sie kritisch sind... nein, warte, ich bin kritisch, weil die Fans dich dazu treiben, dass... Ich FICKE diese Promo!”


Mit einem zornigen Stampfen erschreckt Mike den Interviewer, der (nicht ganz unverständlicherweise) in Erwartung von körperlicher Gewalt einen Schritt zurück macht.


Mike Müller: “Voll reingeschissen. Das ist... kann ich nochmal neu anfangen?”

Mac Müll: “Ähm, das ist live. Du hättest Sendezeit für ein Pre-Tape anfordern müssen, wenn du vorproduzieren willst. Also... das hat jetzt jeder gesehen.”

Mike Müller: “Scheiße, scheiße, scheiße...”


Wie es scheint, hat Mike Müller verbockt, was auch immer sein Job war, und das bei seinem großen Re-Debut, wo es gilt einen guten Eindruck zu machen. Dennoch hinterlässt er eine Menge Fragen: Was ist dieser Kram von wegen “The Mirror”? Wer ist der Boss? Und warum tritt er hier so ungewohnt auf?


Mike Müller: “Und jetzt?”


Halb trotzig, halb flehend starrt Müller zu Mac herüber, der sich ob dieses obskuren Auftritts am Kopf kratzt.


Mac Müll: “Ich, ähm... würde einfach Schluss machen. Ich kann zum nächsten Segment überleiten, wenn du...”

Mike Müller: “Ah, nein, warte! Ich muss noch meine Catch-Phrase sagen!”

Mac Müll: “Du hast eine...”

Mike Müller: “KÖNNT IHR IN DEN SPIEGEL SEHEN?”


Während er diesen Satz unnötig intensiv und laut in die Kamera brüllt quellen seine Augen beinahe aus seinem Schädel. Gleichzeitig versucht er, eine Pose einzunehmen, von der es so wirkt, als solle sie cool sein, die er jedoch nicht nur ein-, sondern gleich zweimal adjustiert, bevor sie so aussieht, wie sie aussehen soll.

Sie sieht übertrieben scheiße aus. Sogar Mac Müll ist peinlich berührt.


Mike Müller: “Das war doch ganz, okay... oder?”

Mac Müll: “Ähm... ich habe schon Schlimmeres gesehen... glaube ich.”


Singles Match:

Renegade vs. Mike „The Mirror“ Müller

Referee: Thorsten Baumgärtner


Trotz seines skurrilen und etwas irritierenden Auftritts zuvor kommt Mike Müller relativ unspektakulär in die Halle. Statt eines tatsächlichen Theme Songs ertönt das Klirren von Glasscheiben, und der Videobildschirm weist ihn als “The Mirror” aus, doch ansonsten scheint er so normal, wie Mike Müller eben normal sein kann, das Match bestreiten zu wollen. Boots, Trunks, Knee Pads und Ellbogenschoner, alles in silbrig-weißen Farbton, der wohl zu der Spiegel-Ästhetik passen soll.

Auf der anderen Seite: Wer legt hier schon fest, was wozu passt?

Er nickt der Crowd, die ihm in erster Linie wohlgesonnen ist, auch wenn sie keine allzu euphorische Reaktion vom Stapel lässt, zu, dann macht er sich im Ring bereit für den anstehenden Kampf.

Der Entrance von Renegade sieht da schon anders aus. “Faster N Harder” von 6arelyhuman knallt durch die Halle in Glasgow und es gibt einen hörbaren Pop. Man kennt Renegade mittlerweile ein wenig, er geht gegen Aiden Rotari vor und sein spektakulärer Dive von der letzten Show hat ihm unter den Adrenalin-Junkies in der Crowd sicherlich den einen oder anderen Fan beschert.

Sehr energetisch und mit geballter Faust geht es die Rampe herunter Richtung Ring. Auf dem Apron wird der Arm zum Jubel in die Höhe gestreckt, und eine nicht unbedingt erderschütternde, aber durchaus nicht zu verachtende Reaktion folgt darauf. Renegade ist vielleicht noch kein Star, aber es scheint so, als wäre die Möglichkeit da, mal einer zu werden.

Es geht für den Jungspund ins Seilgeviert, wo er Müller einen kurzen Blick zuwirft, und beide nicken einander zu. Sie sind keine Freunde und werden sich hier ernsthaft und sportlich duellieren, aber es gibt auch keinen Grund für überbordende Feindseligkeit.

Die Glocke läutet.

Müller zeigt zu Beginn gleich seine Stärken und Schwächen: Er ist groß, stark und überaus athletisch. Knappe zehn Zentimeter und mindestens ein Dutzend Kilo thront er über Renegade, und er ist für diese Größe überaus explosiv und nicht ganz unbeweglich.

Das Problem ist, diese Stärken auch gewinnbringend einzusetzen. Müller agiert SEHR basic. Seine Punches und Stomps sind zwar solide, aber seine Striking-Offensive enthält weder besonders viel Varianz noch einen wirklichen Killer, der ihn in dieser Situation weiterbringen könnte. Bleibt also noch sein Move-Set, und er ist wirklich... generisch.

Zu Beginn versucht er sich an einem Bodyslam, einem Splash in der Ecke, nachdem er Renegade hinein gewhippt hat, und einem Shoulder Block. Alles keine schlechten Moves, vor allem für jemanden mit seiner Statur, und er bekommt vor dem Splash ordentlich Air Time, der Run vor dem Shoulder Block ist schnell und kraftvoll, aber es wird sehr deutlich, dass ihm Wrestling einfach noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Er überlegt noch zu viel vor jedem Schritt, man kann es quasi in seinem Kopf rattern sehen, sein Rope Running wirkt an manchen Stellen etwas unrund, und er scheint Probleme zu haben, seine eigene Kraft richtig einzuschätzen.

Blöd für ihn, dass Renegade diese Probleme nicht hat. Klar, er ist kein Veteran, aber er ist sich eines eigenen Stils deutlich sicherer und nachdem er die anfängliche Flurry von Hieben und Tritten des körperlich überlegenen Mannes kassiert hat beginnt er zu verstehen, wie der Hase läuft.

Dadurch, dass Mike immer eine halbe Sekunde länger für jeden Move braucht, als er sollte, und die Ausführung dessen somit stets ein wenig durchschaubar erscheinen lässt, gelingt es Renegade mit relativ simplen Kontern, Mikes Attacken abzuwehren.

Der Bodyslam-Versuch endet in einem Inside Cradle, aus dem Müller erst ziemlich spät auskickt. Dem Splash in der Ecke kann Renegade ausweichen, und anschließend selbst mit einigen Kniestößen in die Magengrube von Müller nachsetzen. Diesen Schmerz ignorierend stürmt Mike bei der ersten Gelegenheit auf Renegade zu, um den bereits genannten Shoulder Block zu zeigen, doch der ehemalige Partner von Liam Spencer lässt sich auf die Matte fallen und lässt Müller damit den Körper seines Feindes stolpern, sodass er hinfällt.

Absoluter Rookie-Mistake, aber hier wird einmal mehr deutlich, dass es auch unter den Wrestlern aus dem Performance Center noch Unterschiede gibt. Müller wäre sicherlich eher ein Kandidat für Showcase als für Skirmish.

Mike wird etwas rot im Gesicht, und man merkt ihm an, dass er nun doch ein wenig emotional wird. Diese letzte Aktion war nicht nur nicht erfolgreich, sie war peinlich, und das alles gegen einen Typen, der erst über ein Jahr später als er selbst in das GFCW-System eingetreten ist. Eigentlich sollte Mike hier der “Veteran” sein und Renegade vorführen, doch das Gegenteil ist der Fall.

Diese Dynamik verpasst Müller noch einmal einen Push und man sieht ihm sehr eindeutig an, dass er unbedingt WILL, aber er hat keine Ahnung, wie genau er diese Form von Motivation umsetzen soll. Ein wenig kopflos attackiert er Renegade weiter, der jedoch zu keinem Zeitpunkt einen allzu fatalen Schlag einstecken muss, da er sich der feurigen, aber etwas uninspirierten Offensive von Müller relativ gut erwehren kann und kommen sieht, was da auf ihn zukommt.

Renegade hat außerdem den offensichtlichen Vorteil, eine Go To-Waffe zu haben, und das hat Müller wie besprochen nicht. Es sind die Knie, mit denen Renegade immer wieder die Mid-Section seines Gegners attackiert, und ihm damit Stück für Stück den Wind aus den Segeln nimmt. Bei jeder seiner eigenen Attacken kassiert Müller letztlich ein Knie irgendwo in Richtung Rippe, Magen oder Brust, eins sogar direkt an die Leber, und das setzt ihm mit schmerzverzerrtem Gesicht schließlich so lange außer Gefecht, dass er die Deckung fallen lässt und Renegade ermöglicht, hochzuspringen, um Müller ein Knie an den Kopf zu verpassen.

Doch immerhin so weit hat Mike ganz gut aufgepasst, denn er reißt die Arme hoch und kann die Aktion ziemlich ordentlich blocken. Das ist mehr oder minder das erste wirkliche Erfolgserlebnis für ihn in diesem Duell, und man kann unter seinen Händen im Gesicht eine Mischung aus Freude und schierer Erleichterung ablesen.

Aber genau da ist das Problem: Mike ist einfach zu langsam. Nicht physisch, sondern im Kopf. Während er sich die Zeit nimmt, zumindest innerlich zu zelebrieren, dass er ein einziges Mal einen Schritt voraus war, ist Renegade schon wieder dabei, das Match weiter zu wrestlen.

Mike hat die Arme oben gelassen, weil er erst nachdenken muss, was er als nächstes tut, statt sie natürlich wieder zu senken? Wie praktisch.

Das macht es für Renegade sehr viel einfacher, die Arme einzuhaken.

Völlig verdutzt, dass Renegade ihn nicht wieder mit dem Knie in irgendeiner Form attackiert, kann man gerade noch so die eintretende Panik in Mikes Gesicht sehen, als er bemerkt, dass er gleich zu Boden gehen wird. Diese Angst vernebelt seinen ohnehin schon nicht gerade in Hochgeschwindigkeit arbeitenden Kopf genug, als dass ihm partout kein Konter in den Sinn kommen will.

Das nimmt Renegade dankend an. Er zieht seinen Snap Dragon Suplex durch, und das ist genug für drei. Der reifere Wrestler gewinnt mit einer souveränen Performance und fährt nach der Pleite bei Doom’s Night in seinem GFCW-Debut nun den ersten Sieg ein.


Sieger des Matches durch Pinfall: Renegade!!!




Die Glocke ist kaum verklungen, da lehnt sich Renegade über die Ringseile nach draußen und brüllt seine Freude den schottischen Zuschauer entgegen. Seine Brust hebt und senkt sich mit heftiger Ausprägung und raschen Intervallen – aber nicht nur, weil er nach er nach dem Kampf außer Atem ist, sondern vielmehr es seiner „speziellen Persönlichkeit“ entspricht, den Moment des Sieges völlig auszukosten und sich selbst gar in der Feierei ans Limit zu pushen. Er umgreift das Toprope an der den Kommentatoren zugewandten Seite und schüttelt es, die Schwingungen gehen durch seinen ganzen Körper.


Renegade: „Gebt - mir - ein - Mic!“


In seiner Siegeseuphorie brüllt Renegade die Worte in einer Weise heraus, dass man hinter jeder Silbe drei Ausrufezeichen setzen müsste, um es akkurat in Schriftform zu übertragen. Als Laura seinem Wunsch nachkommt und dem Schweizer das Mikrofon reicht, nimmt dieser es mit beiden Händen entgegen und reckt es der Hallendecke entgegen, als wäre es ein gewonnener Pokal. Der Schweiß rinnt von seiner Stirn und lässt das grüne Facepainting auf der Wange verwischen, was seinem Gesamtauftritt noch mehr Wildheit verlangt.


Renegade: „Gebt – mir – den – Mike!“


Nochmal? Laura und der Großteil der GFCW-Galaxie schauen irritiert drein. Was will Renegade mit einem zweiten Mikrofon? Aber dann wird klar, dass die abgewandelte Grammatik kein Versehen ist, sondern Renegade wirklich etwas anderes meinte. Er will keinen weiteren Schallverstärker, sondern Mike. The Mirror. Müller, der sich draußen vor dem Ring von den Strapazen des Kampfes erholt und seinen schmerzenden Nacken hält, blickt überrascht zu Renegade in dem Ring.


Renegade: „Bruder, du hast was drauf!“


Er beugt sich über die Seile nach draußen und hält Müller seine Faust entgegen. The Mirror spiegelt die Geste, Faust trifft Faust.


Renegade: „Dein Herz ist groß, Mikey-Man. Du musst dich nur noch mehr pushen! PUSH – DICH – MANN!“


Dem fragenden Blick Müllers ist anzusehen, dass er nicht wirklich weiß, was der Schweizer damit meint, aber er spannt einfach mal die Brust an und klatscht in die Hände – wird schon irgendwie passen. Renegade jedenfalls grinst zufrieden.


Renegade: „Du wirst eines Tages deinen festen Platz hier haben, Mann. WENN DU DICH PUSHT. Glaub an dich, Mann. Und das bringt mich zu wem anders…“


Die Miene Renegades verdunkelt sich, auch wenn man vorher kaum geglaubt hätte, dass sie das könnte. Aber nun blickt der (mutmaßliche) Irre wütend drein. Mit der freien Hand wischt er sich den Schweiß aus dem Gesicht und verwischt damit die grüne Farbe bis hinauf ins hellblonde Haupthaar, dass dadurch eine auffällige Färbung annimmt.


Renegade: „…zu Aiden Rotari.“


Die zwei Worte des Namens langen, um Buhrufe in der Halle herauszubeschwören. Mike Müller versteht, dass er nun nicht mehr im Fokus von Renegades Interesse steht und beginnt, sich langsam über die Rampe zurückzuziehen.


Renegade: „Er hat eine Denkweise, die ich nicht mag. Im Kopf.“


Er tippt sich mit zwei Fingern an die Stirn, um deutlich zu machen, wo sich der Kopf befindet, in dem sich – seiner Meinung nach – eine schlechte Denkweise von Aiden Rotari befindet.


Renegade: „Er will es sein, der entscheidet, ob jemand in die GFCW gehört oder nicht. Für ihn geht es nicht darum, ob MAN – SICH – PUSHT und wie viel Herz man hat, sondern Rotari hält sich für den Richter. Der die Liga ordnet wie ein Puzzle. Und wenn ein Stück nicht dorthin passt, wo er will, drückt er es mit Gewalt rein.“


Wir erinnern uns: Rotaris Einfluss ist seit seinem Comeback unverkennbar. Ob er die Tag-Team-Szene nach seinem Gusto neu ordnet oder an anderer Stelle, ganz aus der Luft gegriffen wirkt Renegades Vergleich nicht.


Renegade: „Und auch ich war ein Puzzlestück, dass ihm nicht gepasst hat. Er hat mir einmal eine Chance gegeben, doch dann war er meiner überdrüssig und dachte, er kann mich behandeln wie Ricksenburg. Mich kicken und ficken, wie es ihm beliebt.“


Dass Renegade nun mit hochgerissenen Armen im Ring steht und anders als Ricksenburg quicklebendig und aktiv scheint, macht deutlich, dass Rotari nicht das gelungen ist, was Renegade ihm vorwirft.


Renegade: „Aber ich lass mich nicht rumschubsen. Ich tanze nicht nach Rotaris Pfeife. ICH – WERDE – NIEMALS – TANZEN!“


Um die Kraft seiner Aussage zu doppelt dick zu unterstreichen, beginnt er mit Tanzbewegungen, die er nach wenigen Sekunden abrupt mit einem Brüllen abbricht.


Renegade: „Wenn Rotari mich aus der Liga haben wollte, weil ich ihm nicht gefalle, hätte er es richtig machen sollen. Nicht so halbherzig, wie es geschah. Vielleicht dachte er, gegen mich langt halbe Kraft. Er hat mich nicht zerstört wie Ricksenburg, er hat sich nicht genügend GEPUSHT beim Angriff auf mich und das langt gegen mich nicht. Aiden Rotari, ich sag dir…“


Er sucht mit dem Blick die Kamera, schaut erst dreimal in die falsche Richtung und dann, als er die Linse erblickt, schwingt er mit dem ganzen Körper herum und drückt die Nase ans Glas, so dass das Bild für die Fernsehzuschauer zuhause beschlägt.


Renegade: „…wenn du mich aus der Liga ballern wolltest, hättest du es richtig machen müssen. So hast du nur eines erreicht: Mich zornig gemacht! In Nordirland vor zwei Wochen habe ich dir eine Geschmacksprobe davon gegeben, was das heißt. Aber ich will mehr! Ich will dir das antun, was du mit mir vorhattest.“


Wieder lauter Jubel. Auch wenn noch nicht klar ist, worauf Renegade genau rhetorisch hinauswill, ist die Kernbotschaft schonmal da: Der einstige Aqua-Man soll brutal zerrobbt werden und das gefällt den GFCW-Zuschauer. So simpel kann das Leben manchmal sein.


Renegade: „Ich will ein Match gegen dich! Und ich werde es auf eine Art und Weise bestreiten, die du dir in deinen Alpträumen nicht vorstellen kannst. Wenn ich mit dir fertig bin, brauchst du nicht mehr darüber nachdenken, ob The End oder Breads Champion ist – du wirst die Gelegenheit eh nicht wahrnehmen können. Denn ich will ein Schlachtfeld, auf dem ich dich ohne Zurückhaltung in den Boden rammen kann.“


Er reißt die Arme in die Luft und setzt zu einem letzten Brüllen an, in das er alle Kraft seiner Stimmbänder setzt.“


Renegade: „ICH – WILL – DICH – FALLS – COUNT – ANYWHERE!“



Tammy: “Willkommen zurück.”

Robert Breads: “Danke.”


Wir befinden uns im Backstage-Bereich, wie man ob des Auftritts von Tammy in dieser Szene unschwer erkennen kann. Wann hat sie es zuletzt bis in die Ringside-Area geschafft? Damals, als sie ein BAGUETTE SCHMIEREN sollte? Schwer, sich zu erinnern, was bedeutet, dass es eine Weile her sein dürfte. Das ist aber kein Problem für die (dank Altersmilde) nicht mehr allzu sehr rasende Reporterin, denn hier, direkt vor der “Interview-Wand” der GFCW, einem großen, weißen Banner, das mit Logos von Sponsoren und kommenden Events geschmückt ist, läuft sie zu Hochform auf.

Wobei das mit diesem speziellen Gast vielleicht nicht unbedingt nötig ist. Im Gegensatz zu seinem Partner, der gelegentlich durchaus wortkarg auftritt und nicht mehr sagt als er muss und manchmal weniger als er sollte, ist es nun wirklich nicht schwierig, GFCW Hall of Famer Robert Breads zum Reden zu bewegen. Zu gern hört der Kanadier sich dafür selbst sprechen.

Hier und heute gibt es einen großen Unterschied zur vorherigen Show zu begutachten, denn es gibt keine Schlinge mehr an der Schulter von “Canada’s Own”. Die von Antoine Schwanenburg verursachte Verletzung scheint also weiter zu heilen, aber das ist auch mehr als nötig, wenn wir bedenken, wie wenig Zeit Breads noch bleibt, bevor er mit dem besten Wrestler der Promotion in den Ring steigen muss. Oder darf – Ansichtssache.

Die Atmosphäre ist verhältnismäßig entspannt. Die zwei kennen sich nun immerhin bald schon fünfzehn Jahre, und durch die schiere Tatsache, dass Tammy nicht Mac Müll ist, kommt ihr eine Art Basis-Respekt entgegen. Dennoch wirkt Robert nicht locker und zu Witzen aufgelegt, seine so langsam aber sich durch das Alter gezeichnete Stirn hat eine zusätzliche Falte, denn er wirkt nachdenklich.


Tammy: “In etwa vier Wochen steht das größte Match an, dass du seit langem in der GFCW hattest – ein Match um den GFCW World Title. Wenn ich mich recht entsinne, dein erster Title Shot um die Championship, die du damals mit definiert hast, seit etwa neun Jahren, als deine zweite Regentschaft von Zereo Killer beendet wurde.”


Ein Nicken von Seiten Breads, bei dem er leicht die Nasenflügel aufbläht - die Erwähnung des Wrestlers, der ihm nicht nur, aber vor allem, seine zweite Titelregentschaft versaut hat, löst nicht gerade Euphorie beim Mann aus Toronto aus.


Tammy: “Die Bedeutung dieses Matches muss also kaum noch weiter hervorgehoben werden. Die erste Frage, die sich mir und allen Fans dahingehend stellt, ist: Wie geht es der Schulter der Nation?”


Welche Nation sie genau meint ist nicht exakt ersichtlich. Schottland, wo wir heute gastieren? Kanada? Deutschland? Ist das einfach eine Redensart? Ist das wichtig? Mit der Hand, die kein Mikrofon hält, deutet die Interviewerin auf die von einer Schlinge befreiten Schulter.


Robert Breads: “Es wird besser.”


Das ist kein “Gut”.


Robert Breads: “Sagen wir es so, wenn das Titel-Match heute wäre, könnte ich mir die ärztliche Freigabe besorgen. Mir wurde allerdings dringend geraten, mir noch mehr Zeit zur Erholung zu nehmen, sonst riskiere ich, nicht in der bestmöglichen Verfassung in London aufzutauchen. Und ich bin nicht so blind zu glauben, dass ich eine Chance gegen The End hätte, wenn ich nicht als die stärkste Version meiner selbst dort auftauche.”


Einmal mehr zollt Breads The End – als Wrestler – Respekt. Er weiß, wie der Hase läuft, und er wird auf keinen Fall bei diesem ersten Title Shot auf den Titel seit fast einer Dekade das Risiko eingehen, die Verletzung vorher nicht so gut auskuriert zu haben wie nur irgendwie möglich.


Robert Breads: “Ich bin mir bewusst, dass es sehr gut möglich ist, dass das mein letzter Shot ist. Es ist Wrestling, “sag niemals nie”, schon klar, aber ich kenne meinen Körper besser als jeder andere. Diese Verletzung wäre vor zehn oder vielleicht sogar fünf Jahren jetzt schon vollständig ausgeheilt. Ich kann beinahe froh sein, dass es “nur” die Schulter ist, und nichts, was mit meinen Beinen zu tun hat.”


Damit spielt Breads auf den eigenen In-Ring-Stil an, der seit jeher sehr Kick-lastig ist. Seit er langsamer geworden ist und die Gegner ihm athletisch so gut wie jedes Mal überlegen sind, verlässt er sich noch mehr auf sein Gehirn und seine Beine als sowieso schon.


Robert Breads: “The End wird ein harter Brocken. Ein sehr viel härterer Brocken als sogar ein Zereo Killer.”


Er kann es natürlich nicht lassen, die Tatsache aufzuspielen, dass End den Killer geschlagen hat. Nur zu gern würde Breads nicht nur den Titel gewinnen, sondern ihn der Person abnehmen, an der Mike MacKenzie gescheitert ist.


Robert Breads: “Ich würde seine Zeit nicht verschwenden, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass ich rechtzeitig fit genug bin, um eine reelle Chance zu haben, mir den Titel zu holen. Sonst könnte ich auch genauso gut Aiden den Spot überlassen.”

Tammy: “Apropos: Aiden Rotari.”


Ein Schmunzeln huscht über die Lippen des zweifachen World Champions. Die Erwähnung Rotaris amüsiert und erheitert ihn sichtlich.


Robert Breads: “Cleveres Kerlchen, nicht?”

Tammy: “Findest du nicht, dass die Art und Weise, wie er das angestellt hat...?”


Sie findet kein Wort, das nicht allzu beleidigend klingt, aber Breads weiß, was sie meint. Er zuckt mit den Schultern, und dann zuckt er noch einmal beinahe unmerklich zusammen, als er bemerkt, dass er diese Bewegung vielleicht noch nicht unbedingt machen sollte. Wie fit ist er wirklich?


Robert Breads: “Er hat ein bisschen Glück gehabt. Aber man muss auch erst einmal so schnell schalten, und die Situation so ausnutzen wie er es getan hat. Meine Wünsche werden im Rahmen des kleinen Deals, den er mit Corleone eingegangen ist, respektiert. Ich hoffe sehr, dass ich derjenige sein werde, der den GFCW World Title gegen Aiden verteidigt, aber ich bin nicht allzu beleidigt, dass er einen Plan B dafür hat, sollte ich scheitern. Ich finde das nicht kränkend, ich finde das sinnvoll.”


Breads bleibt also dabei, den Pragmatismus seitens Rotari als durch und durch positive Eigenschaft anzusehen. Er hätte es durchaus als Stich für sein Ego auffassen können, dass Aiden überhaupt glaubt, ein solcher Deal mit Corleone sei notwendig, aber es spricht auch hier vielleicht für die hohe Meinung, die Robert von The End hat, dass er es seinem Partner nicht verübelt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, End könnte ihn schlagen.


Tammy: “Gekränkt wirktest du allerdings von der Tatsache, dass sich The End bei der letzten Show nicht persönlich mit dir getroffen hat. Stattdessen hat er James Corleone vorgeschickt.”


Ein Seufzen von Seiten des Kanadiers.


Robert Breads: “Vielleicht war ich ein wenig hart zum armen Jimbo. Er kann einem beinahe leidtun, wenn man sieht, wie er bei der letzten Show behandelt wurde. Ich meine, dass The End ihn nicht braucht, haben wir nicht nur lang und breit diskutiert, sondern auch gesehen, aber dass The End sich scheinbar vollkommen unbewusst ist, was passieren könnte, wenn Jimbo sich entscheidet, dass er The End nicht mehr braucht...”


Kopfschütteln von Seiten Breads, der das einfach so im Raum stehen lässt - aber nicht mit Tammy.


Tammy: “Was meinst du damit?”


Die Mundwinkel von Robert zucken. Natürlich hat er sowieso drüber sprechen wollen, aber zumindest so zu tun, als müsse man es ihm aus der Nase ziehen, ist sehr Breads-like.


Robert Breads: “Nun, er kennt alle Geheimnisse von The End, nicht wahr? Glaube mir, ich studiere Tape ohne Ende, und der Mann hat im Ring nicht viele Schwächen, und die, die er hat, werden kontinuierlich kleiner. Aber wenn jemand einen Schwachpunkt kennt, von dem wir alle noch nichts wissen, dann ist es mit Sicherheit derjenige, der potenziell dafür verantwortlich ist, eben diesen Schwachpunkt zu verschleiern.

Jimbo müsste nur jemanden finden, der talentiert genug ist, um mit diesen Informationen auch etwas anzufangen. Und sollte er sich entscheiden, direkt unter seiner Nase nachzuschauen, statt stur den Horizont anzustarren, könnte er fündig werden.”


Damit meint Breads wohl jemandem, dem Corleone sehr nahesteht – ein Familienmitglied, vielleicht. Ein Sohn, vielleicht. Aldo Nero, vielleicht.


Robert Breads: “Ich war sein Trainer, erinnerst du dich? Ich habe das Potenzial gesehen, das dort schlummert. Als jemand, der sich um mehrere dutzend junge Wrestler gleichzeitig kümmern musste, hatte ich nicht die Zeit, die leitende Kraft in seiner Karriere zu sein, die er brauchte. Die Werkzeuge sind alle da, er muss nur noch lernen, sie einzusetzen. Aldo Nero hat die Chance, nahe an der heranzukommen, was Aiden Rotari geworden ist.”


Natürlich bloß “nahe herankommen” - denn übertreffen wird er Breads’ persönliches Pet Project in den Augen des Kanadiers nicht. Dennoch, es gibt weitaus Schlimmeres, als die Nummer zwei zu sein, oder?


Robert Breads: “Dazu brauch er lediglich so etwas wie eine... Vaterfigur. Das heißt nicht unbedingt, dass es sein Vater sein muss. Wenn Jimbo das Timing verpatzt, hat sich jemand anderes Aldo unter den Nagel gerissen, wenn er endgültig die Schnauze voll hat Ends Dienstmagd zu sein, und dann muss er Tha Bomb oder irgend so eine Pfeife managen, um die Miete zu bezahlen.”


Na klar: SOLLTE Corleone sich tatsächlich entscheiden, End nicht mehr zu brauchen, dann nur, weil er eine mindestens ebenso gute oder sogar bessere Option hat, die es zu betreuen gilt. Sollten die Worte von Breads bezüglich des Potenzials von Aldo wahr sein, wäre das selbstverständlich die logischste Option, auch wenn Corleone sehr beharrlich ist, wenn es darum geht, dass er kein Interesse an seinem eigenen Nachkommen hat.


Tammy: “Interessant.”


Breads hebt die Augenbrauen. Tammy wägt einen Moment ab, ob sie weitersprechen soll, beschließt dann aber, dass es wohl in Ordnung ist, wenn es Robert betrifft – immerhin Mitglied des GFCW-Office und ein alter Bekannter. Sie ist Journalistin, also stellt sie die kritischen Fragen.


Tammy: “In der letzten Show hast du auf Jim Corleone herumgehackt, nun verteidigst du ihn. Man könnte es so interpretieren, dass du auf die eine oder andere Art und Weise Unruhe stiften willst. Vielleicht glaubst du gar nicht, dass Aldo Nero so viel Potenzial hat, und willst Corleone bloß von End weglocken, um ihn so zu schwächen. Du willst einen Keil zwischen sie treiben, weil du überhaupt nicht daran glaubst, dass sie einander nicht brauchen, sondern genau das Gegenteil der Fall ist.”

Robert Breads: “Klingt mehr nach Aiden Rotari als nach Robert Breads, nicht?”

Tammy: “Sicher. Ich frage mich nur... woher der... Sinneswandel?”


Es ist nicht das perfekte Wort für das, was Breads seit der letzten Show durchgemacht hat. Seine Einschätzung der Gesamtsituation ist nicht vollkommen neu, er glaubt immer noch, Corleone sei bloß ein Laufbursche, der nicht mehr gebraucht werde – seine Perspektive hat sich lediglich erweitert.


Robert Breads: “Mitleid.”


Der Kanadier verschränkt die Arme vor der Brust und überlegt einen Moment lang, wie er das, was er fühlt, am besten in Worte fasst. “Mitleid” ist sicherlich kein Motiv, das Aiden wählen würde - es ist zweifelhaft, ob er mit dieser Emotion überhaupt vertraut ist.


Robert Breads: “Jimbo tut mir leid. Es ist richtig traurig mit anzusehen. Ich denke, er hat noch etwas zu geben, und er ist schlau genug, das zu wissen, aber diese End-Sache... manchmal muss man einfach weiterziehen. Und das möglichst bald. Denn ich bin ehrlich...”


Nun dreht Breads sich ein wenig von Tammy weg. Sein Blick richtet sich direkt auf die Kamera, als spräche er zu jemand bestimmten – End? Corleone? Nero? Rotari?


Robert Breads: “...falls... wenn ich den Titel gewinne, will ich keine Ausreden hören. Kein End, der von Corleone abgelenkt war, der sich mit Aldo Nero herumschlagen muss... ich will The End, die beste Version seiner selbst. Das ist der Wrestler, den ich schlagen will, denn das ist der Wrestler, den ich schlagen MUSS, wenn ich nicht nur den World Title gewinnen will, sondern auch beweisen, dass ich es nicht nur immer noch draufhabe, sondern der Beste bin. Dafür muss ich die bestmögliche Version des besten Wrestlers schlagen.

In zwei Wochen werde ich erneut den Ring betreten und meinen Gegner in London herausrufen. Ich hoffe, dieses Mal wird er mir selbst gegenübertreten. Nach der letzten Show könnte ich mir durchaus vorstellen, dass End kein Fan davon ist, Jimbo allein herauszuschicken und frei schalten und walten zu lassen. Ob er im Schlepptau angedackelt kommt, ist mir gleich, aber ich will dem Mann in die Augen blicken, dem ich in London gegenübertreten werde. So viel Respekt fordere ich ein. So viel Fokus verdiene ich. Sollte End in der nächsten Show nicht auftauchen, muss ich davon ausgehen, dass er zu abgelenkt ist, um sich mit dem GFCW World Title zu beschäftigen... und ihm damit auch nicht würdig ist.

Ich halte The End für einen würdigen Champion. Ich hoffe, diese Wahrnehmung wird sich in zwei Wochen nicht grundlegend ändern. Sonst bedeutet es weniger, ihn zu schlagen.

Wir sehen uns im Ring, End. In zwei Wochen, in Cardiff, um zu reden. In vier Wochen, in London, um zu kämpfen. Und in meinem Fall... um zu siegen.”



Die Halle wird nun abgedunkelt und im Bereich der Entrancestage beginnen dichte Nebelschwaden sich langsam Bahn zu brechen. Dann gehen die großen Videowände an und man sieht grelle Blitze gleißend durch die Dunkelheit zucken. Dazu donnert es fürchterlich im weiten Rund der Halle wie in dem heftigsten Jahrtausendsturm.



Und dann setzt die epischste Musik ein, die man sich nur vorstellen kann. Die epochalsten Chöre verzücken die Ohren der in tiefstem Herzen ergriffenen GFCW-Fans, so dass die Stimmung nun quasi magisch ist. Was zum Teufel passiert jetzt?!



Und dann taucht etwas Großes im Nebel auf der Stage auf. Etwas lila Leuchtendes, flankiert von schemenhaften Gestalten. Wir erkennen, dass es sich um so etwas wie einen futuristischen Sarg zu handeln scheint, der offensichtlich langsam über den Boden schwebt in Richtung Ring. Und die schemenhaften Gestalten entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Muskelmänner. Der Sarg wird von insgesamt 10 Muskelmännern begleitet, auf jeder Seite 4 und einer je vorne und hinten. Die Muskelprotze haben alle eine Glatze und tragen nur einen Slip, der das Gemächt bedeckt aber den Blick auf die Arschbacken freigibt. Die Füße sind nackt. Und sie sind alle übelst mit Bräunungscreme und Öl eingeschmiert, das erkennt man sogar bei diesen schummrigen Lichtverhältnissen.



Der Sarg hat jetzt die Rampe verlassen und befindet sich auf halbem Weg zwischen Stage und Ring. Der Sarg oder was auch immer das Ding ist, beginnt ca. auf Hüfthöhe der Muskelmänner. Darunter befindet sich wohl irgendeine motorisierte Konstruktion mit Rädern, die aber mit einem schweren schwarzen Vorhang verdeckt ist, sodass der Sarg auf den ersten Blick zu schweben scheint.



Das Ding besteht aus einer oberen und einer unteren Schale, und innendrin scheint es unsagbar hell zu sein, denn aus dem Schlitz zwischen den beiden Hälften tritt ein glühend-gleißendes Licht aus, dass die ganze Szenerie fast taghell erleuchtet. Bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass der „Sarg“ von allerlei Rohren und Leitungen und futuristisch-anmutenden Schaltflächen überzogen ist, die wild herumblinken.


Pete: „Was in Gottes Namen ist das, Sven?! Und was sind das für komische Typen, wer hat die hier hereingelassen?“

Sven: „Ich weiß es auch nicht, Pete, selbst ich bin hier mal sprachlos. Aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass wir es gleich erfahren werden.“



Das Ding ist jetzt am Ring angekommen und kurz vorm Apron stehengeblieben. Die Muskelmänner drehen sich jetzt alle mit dem Gesicht zum Konstrukt und verneigen sich.


ZISCH!


GRUMMEL!


ZÄSCH!


PENG!


Die Nebelkanonen geben noch einmal Vollgas und das Ding beginnt, sich zu öffnen. Ganz langsam schwingt die obere Hälfte zu einer Seite weg. Im Inneren ist es so hell, dass wir kaum erkennen können, was sich dort befindet, doch es scheint sich um einen Körper zu handeln, der regungslos daliegt. Als die obere Schale immer weiter zur Seite kippt erkennen wir diverse Gerätschaften an der Unterseite: Schläuche und Spritzen und Sprühvorrichtungen…


Pete: „Was ist das? Eine Folterkammer?!“


Nach einer gefühlten Ewigkeit ist der Futuresarg komplett offen und…


DAS LICHT GEHT AUS, ES WIRD STOCKFINSTER IN DER ARENA…


Auch die Blitze und das Donnergrollen stoppen abrupt, nur noch Dunkelheit und Stille und eine zum Bersten gespannte GFCW Galaxy.



Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit dann das Licht der Erleuchtung. Alle Scheinwerfer in der Halle, alles aus dem Licht kommen kann geht an und richtet sich auf einen einzigen Spot, nämlich die Mitte des Rings. Dort steht eine Gestalt. Nein vielmehr ein Ungetüm. Zunächst ist es so hell, dass man kaum etwas erkennen kann, doch dann lässt das Licht langsam nach und wir erkennen eine Götterstatue mit geschwellter Brust und erhobenem Kopf dort stehen.


Pete: „Oh mein Gott, ein Adonis!“


Sven: „Nein warte mal, Pete! Das ist keine Statue, das ist…“


Pete: „Das ist STEVE STEEL! OMG!!!“


OMG


OMG


OMG


Sven: „Was zum… Nein, das ist nicht Steve Steel, schau doch mal genau hin. Ich meine, das Gesicht, irgendwie ja, aber… der Rest?!?“


Und tatsächlich, dieses … Ding da im Ring erinnert nur entfernt an den Bronzed Adonis, so wie wir ihn alle kannten. Dieses Monstrum ist gefühlt doppelt so muskulös wie Steel zu seinen besten Zeiten, außerdem sind Steels wasserstoffblöden Haare weg und er hat jetzt eine glänzende Glatze. Auch dieser Freak trägt nur einen Slip wie die Muskelmänner, welcher nur das Gemächt bedeckt und die Arschbacken frei lässt. Keine Schuhe, nackte Füße. Der unnatürlich muskulöse Körper strotzt nur so vor Sehnen und Adern, die scheinbar aus der Haut herausbrechen wollen.



Langsam geht das normale Licht in der Halle wieder an. Die Muskelmänner verteilen sich nun um den Ring herum und verneigen sich weiterhin vor ihrem gottgleichen Anführer, denn das scheint dieses Etwas wohl zu sein. Langsam hebt der Hüne den Arm und zeigt in Richtung Titantron. Dort prangt nun die Schrift…

DER PROTZ

Pete: „Der Protz? Was soll das denn bedeuten? Ich bin hier gerade vollkommen lost, Sven.“

Sven: „Kurzform von Muskelprotz wahrscheinlich.“


Langsam lässt der Protz den Arm wieder sinken und hebt stattdessen den anderen Arm, in dessen Hand er einen Schallwandler hellt. Das alles in Zeitlupentempo.


DER PROTZ: „GLASGOW…“


Pete: „Krass, auch die Stimme ist anders.“


Der Protz spricht mit rauchiger Stimme und monotoner Intonation.


DP: „Die Welt… ist im Wandel…“


Pete: „What?! Das kenne ich doch irgendwoher.“


DP: „Es gibt immer… einen noch größeren Fisch…“


Sven: „Also das ist doch aus Star Wars!“


DP: „Das Hemd… ist mir näher… als der Rock…“


Jetzt zuckt der Protz kurz zusammen, so als bemerke er selbst gerade, dass er nun Unsinn redet. Er entspannt sich merklich und scheint von dieser unnahbaren, larger-than-Life-Lichtgestalt wieder zu so etwas wie einem normalen Wrestler zu werden.


DP: „Jaaa, ich bin es… irgendwie. Aber dann auch wieder nicht. Ich bin nicht mehr Steve Steel, bin nicht mehr der Bronzed Adonis, pah. Das habe ich lange und weit hinter mir gelassen. Ich bin nun… der PROTZ. Und ich kehre zurück zu euch, am Wendepunkt der Gezeiten.“


Sven: „Kann Steel bitte mal aufhören, aus Herr der Ringe zu klauen?!“

Pete: „Ähm, du meinst wohl, der Protz.“

Sven: „Ach bloody Hell.“


DP: „Die GFCW war schon wahrlich in einem besseren Zustand als aktuell. Die Altvorderen sind nun Geschichte… und eine neue Macht erhebt sich. Doch nicht so schnell, denken sich manche. Sind die, die nun nach den Sternen greifen, wirklich schon bereit dafür? Leidet nicht die Qualität der Liga, wenn Youngster und Nobodies nun die Titel unter sich ausmachen? Ich sage ja, und das habt ihr, das haben die Fans nicht verdient. Und um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Eigentlich hatte ich mit Wrestling, ja mit dieser Welt schon abgeschlossen und hatte mich neuen, höheren Zielen verschrieben. Doch die… müssen nun warten. Wie gesagt, ich kehre zurück zu euch, denn meine Aufgabe hier ist noch nicht zu Ende.“


Der Hüne wandert nun erhaben durch den Ring und genießt sichtlich seinen großen Moment. Die Fans sind immer noch baff und wissen nicht so recht, was sie von diesem Auftritt hier halten sollen.


DP: „Ich habe zuletzt das Geheimnis der unendlichen Bräune erforscht… und bin fündig geworden.“


Protz zeigt nun zu dem Konstrukt, das vor dem Ring steht.


DP: „Sehet, ich schenke euch den ULTIMATE SUNBANK 7000deluxe Superspritzer special edition… von mir selbst entworfen und gebaut. Durch diese Wunderwerk der Technik konnte ich in Bräunungsregionen vordringen, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat. Und nicht nur das. Das Gerät verfügt auch über eine integrierte Massagefunktion, automatische Düsen zum Einsprühen mit Babyöl sowie eine vollautomatische Bebräunungsanlage, hehehe!“


Für einen kurzen Moment sehen wir wieder den alten Steve Steel, der sich hier diebisch freut. Doch sofort kehrt er wieder zurück in die salbungsvolle Rolle des Gottgleichen.


DP: „Dieses bahnbrechende Gerät, das einen jeden, der es nutzt, in eine neue, bahnbrechende Entwicklungsstufe seiner Selbst überführen wird – und das schon bald für 23.735 Euro im Fachhandel erhältlich sein wird – wird einschlagen wie eine Bombe und die Leben von so vielen positiv verändern, und das alles wegen… mir. Schaut euch meine Jünger an, schaut meine versammelten Muskeltiere!“


Der Protz deutet salbungsvoll auf die Muskelmänner draußen am Apron.


DP: „Diese Jünglinge haben bereits das Licht gesehen und von dem Nektar gekostet, welchen ich ihnen bereitet habe. Und ihr, ihr alle… könnt das auch. Wie, das werde ich euch schon bald erfahren lassen. Und nun, meine Muskeltiere… ist es an der Zeit mir zu huldigen. Draußen im Foyer findet nun das große Meet-and-Greet mit mir statt. Wer will – und wer 73,- Euro noch übrig hat – kann dort ein Foto mit mir machen. Ein Foto, das euer Leben verändern will. Und für nur weitere 37,- Euro signiere ich es auch noch, Hallelujah!“


Pete: „Ich muss das hier erstmal sacken lassen, werter Kollege, gut, dass wir jetzt in die Werbung gehen. Puh.“

Sven: „Was für ein Auftritt, die Zuschauer sind baff, wird sind baff, Zeit für eine Zereo Cola. Bis gleich.“



Noch ist Viggo nicht lange genug zurück, damit die Minuten vor einem Main Roster-Match als reine Routine nichts an seinem Herzschlag verändern. Mit einem charmanten Lächeln gibt der junge Engländer sein Bestes, um jegliche Anspannung abzustreiten, doch mahlende Kiefermuskeln und ein umherhuschender Blick geben Auskunft über seine wahre Gemütslage. Er steht backstage, lockert die Muskeln und wartet darauf, dass der zweite Mann das Stichwort nennt, um den Dialog zu beginnen.

Der zweite Mann, das ist Mac Müll. Zwischen ihm und Viggo ist ein großer Monitor aufgebaut, der das Zentrum der Bildkomposition darstellt. Auf dem Bildschirm hüpft ein animiertes GFCW-Logo hin und her, sonst gibt es nichts zu sehen – bislang.


Mac Müll: „Viggo, danke dass du dir die Zeit genommen hast, vor deinem Kampf vorbeizukommen.“


Vom Angesprochenen gibt es ein knappes, jedoch mit höflichem Lächeln gestütztes Nicken. Nicht auf jede Floskel muss geantwortet werden.


Mac Müll: „Es ist klar, wie wichtig jeder Kampf auf deinem Weg, Ask Skógur von einem Kampf zu überzeugen, für dich ist. Aber heute geht es gegen Timo Schiller und sicher ist das noch einmal eine Stufe besonderer. Da braucht man nur auf eure gemeinsame Vergangenheit verweisen.“


Wieder reagiert Viggo mit einem Nicken, diesmal gerät es zögerlicher und bedächtiger. Seine Vergangenheit ist, glaubt man der Entwicklung der letzten Wochen, keine Errungenschaft, die er stolz vor sich herträgt. Er war der bis neulich der Protegé von Darragh Switzenburg. Und davor jener von Holly Hutcherson, jenem Mysterium, dass so manchem GFCWler vor einigen Jahren mit Kopfspielen den Verstand geraubt hatte – und anderem Timo Schiller. Und Viggo, der von Hutcherson mit in die Liga gebracht wurde, hatte als willfähriger Gehilfe einen großen Anteil daran, Schiller vom Publikumsliebling zu einem ferngesteuerten Sektierer zu machen.


Viggo: „Das kann man so sagen. Timo und ich, das ist eine besondere Geschichte. Ich verstehe, warum Ask ihn als Gegner für mich gewählt hat. Es wird nicht einfach. Aber ich bin bereit, die Herausforderung nicht nur anzunehmen, sondern auch zu bestehen. Ich möchte meinen Kampf gegen Ask, solange die GFCW hier in meiner Heimatregion auf Tournee ist, und deswegen bin ich bereit, jede Hürde zu überspringen, die er für mich aufbaut.“


Eine Antwort wie frisch aus dem Pressetraining. Kämpferisch und bedacht, aber letztlich aalglatt. Aber ist es das, was aus Viggo spricht? Einstudiertes Gerede? Oder meint er es genauso, wie er es sagt? Die GFCW-Galaxy hat sich noch nicht entschieden.


Mac Müll: „Hast du mit Timo denn noch Kontakt, seitdem ihr nicht mehr unter dem Bann von Holly Hutcherson steht? Eure beruflichen Wege haben sich getrennt, aber ist dieses Band einer monatelangen Kameradschaft jemals wirklich getrennt?“

Viggo: „Nein…nein, haben wir nicht. Versteh mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Timo. Aber ich glaube nach den Ereignissen von früher brauchten wir beide Abstand. Ich respektiere ihn, aber wir haben uns nichts zu sagen. Trotzdem denke ich gut über ihn. Und er auch über mich, denke ich.“


Es blitzt in Mülls Augen auf als er den letzten Teil von Viggos Antwort vernimmt. Auf eben jenes Stichwort scheint er gewartet zu haben. Ein Lächeln schiebt sich auf seine Lippen.


Mac Müll: „Nun, vielleicht habt ihr euch einander nicht viel zu sagen. Aber übereinander?“


Die zweite Frage wird von Viggo sofort mit einem Kopfschütteln quittiert. Aber davon lässt sich Mac Müll nicht aus der Ruhe bringen, er hatte ohnehin noch nicht ausgesprochen. Er macht einen Schritt an Viggo heran.


Mac Müll: „Aber er hatte etwas zu sagen. Über dich.“

Viggo: „Über mich?“


Der Mund des Engländers verzieht sich zu einer schmalen Linie. Mit den Fingern wischt er sich eine Haarsträhne aus der Stirn, wo überhaupt keine Haarsträhne war. Er tritt von einem Fuß auf den anderen.


Mac Müll: „Ja, wir haben ihn zu eurer gemeinsamen Vergangenheit befragt. Wie er dich damals in dieser komplexen Lage in Hutchersons Gefolge wahrgenommen hat. Und weil es ein sehr psychologisches Thema ist, haben wir einen Experten hinzugezogen.“

Viggo: „Timo hat…mit einem Psychologen über mich gesprochen?“


Mit einer galanten Geste tritt Müll wieder den zuvor gegangenen Schritt zurück und deutet in Richtung Monitor, auf dem just in diesem Moment das hüpfende Logo verschwindet und Platz für ein anderes Bild macht.


Mac Müll: „Lass‘ es uns gemeinsam ansehen. Ich würde gerne deine Meinung dazu hören.“

:::

Timo Schiller rutscht auf einer Couch hin und her als könnte er sich nicht entscheiden, ob er sitzen oder liegen will. Er blickt im Zimmer umher: Es ist ein dunkler, extravagant eingerichteter Raum. Neben der weinroten Couch, auf der er sich befindet, fallen floral gemusterte Vorhänge ins Auge. Die Wand ist senfgelb gestrichen und mit Ölgemälden behängt, die für den in Sachen moderner Kunst kaum geschulten Schiller wie die Klecksereien eines Kindes wirken. Viele Farben, unruhige Formen, kein erkennbares Motiv. Vor der Wand, die der Couch gegenübersteht, steht ein Ohrensessel mit gestreiftem Polster. Darin hat sich ein Mann hingesetzt, oder besser hingefläzt, dessen nackte Füße überall Spuren in Form feuchter Abdrücke auf dem Kirschholzparkett hinterlassen haben. Über den Füßen beginnt eine hochgekrempelte Bundhose, die die Beine des Mannes entlangfließt und an der Hüfte in ein gemustertes Hemd mündet, aus dessen Kragen ein eindringlich blickender Kopf mit schulterlangem blondem Haar hervorlugt. Die Intensität, mit der jener Mann Schiller anblickt, lässt den Dortmunder nervös auf der Couch umherrutschen.

Der Mann tippt mit den Zehen auf den Fußboden, schlägt ein Notizheft auf und schürzt die Lippen. Er pfeift eine Melodie, deren Rhythmus er mit Fingergetrommel auf seinem Knie begleitet. Als er Schillers fragenden Blick vernimmt, schleicht sich ein Lächeln auf sein Gesicht und er beginnt, mit dem Oberkörper zu wippen. Unablässig vor und zurück. Dieser vollkommen normale und typische Vertreter der psychoanalytischen Künste ist GTCW-Zuschauern als Dreamweaver bekannt, als spiritueller Vertreter des einzigen lebenden Toten, des exzentrischen Ghuls ROZ.


Dreamweaver: „Timo Schiller, wie schön, dass du gekommen bist, damit wir über deine Mutter sprechen.“


Der GFCW Performance Center-Absolvent der ersten Stunde setzt sich kerzengerade hin. Er schüttelt heftig mit dem Kopf.


Timo Schiller: „Man sagte mir, wir würden über Viggo sprechen.“


Der Psychologe klatscht in die Hände, spuckt hinein und fährt sich damit durch die Haare, bis sie glatt nach hinten am Kopf entlangfallen.


Dreamweaver: „Mütter sind wie Rom.“


Eine Formulierung, die auf Autovervollständigung durch den Zuhörer setzt. Eine Mutter wie Rom, was heißt das? Antik, schmutzig, doch hier und da mit charmanten Stellen? Millionen Menschen wohlbekannt? Doch da Dreamweaver nicht im Speziellen über Drakes Mutter spricht (Grüße nach Duisburg!), möchte die Koryphäe der Psychoanalyse auf etwas Anderes hinaus.


Dreamweaver: „Alle Pfade führen zu ihnen.“


Nun wieder pfeifend lehnt sich Dreamweaver zur Seite und fischt aus einem Stapel Papiere eine Akte hervor, auf die mit Filzstift der Name Timo Schillers geschrieben ist. Während er den Inhalt sortiert, spricht er beiläufig weiter.


Dreamweaver: „Früher oder später. Eine unumstößliche Wahrheit bei uns Psychologen.“


Anstelle eines rhetorischen Punktes setzt Dreamweaver nach der Silbe „-logen“ ein Pfeifen, das den Ruf des Austernfisches imitiert. Dann tippt er abwechselnd mit der einen und der anderen nackten Fußsohle aufs Parkett und summt ein Lied.


Dreamweaver: „Aber gut, reden wir über Viggo.“


Von der Couch ist ein erleichtertes Ausatmen zu vernehmen, das im Kontrast zu Dreamweavers enttäuschten Tonfall steht. Schiller lächelt versöhnlich und wirkt dabei wieder wie der naive, blonde Youngster, der er einst war, ehe er in die Fänge Hutchersons und in einen Strudel der Gewalt geriet.


Dreamweaver: „Mein Informationspaket, welches mir die GFCW geschickt hat, besagt, du wärest nicht vorrangig von Hutcherson selbst rekrutiert wurden und auch Viggo kam erst später ins Spiel. Vielmehr ging es um eine Vettel namens Miri und einen floddrigen Hund…“


Der Psychologe zieht mit verzogenem Gesicht das Bild eines Border Collies aus den Akten hervor, betrachtet es abgewandt durch zu Schlitzen zugekniffenen Augen und lässt es nach wenigen Sekunden zu Boden segeln. Mit dem Fuß schiebt er es unter den Ohrensessel und schüttelt sich am ganzen Körper.


Dreamweaver: „…ist das korrekt? Das hat ausgereicht, um dir den Kopf zu waschen?“

Timo Schiller: „So fing es an, ja.“

Dreamweaver: „Erklär’s mir. Versuch dich zu erinnern.“

Timo Schiller: „Ich fand sie attraktiv. Extrem körperlich anziehend.“


Zufrieden mit dieser Antwort pfeift Dreamweaver die ersten Takte von Mozarts türkischem Marsch und zieht erwartungsvoll die Augenbraue hoch, um sich dann mit dem Fingernagel an ebenjener zu kratzen.


Dreamweaver: „Zum Verständnis: Redest du nun von Miri, deiner Mutter oder der widerwärtigen, verfilzten, kläffenden, sinnlos schwanzwedelnden flohbesetzten Töle?“


Während Timo zu einer Erklärung ansetzt, hält sich Dreamweaver eine Hand vor den Mund und beugt sich zur Seite, um diskret zu würgen.


Timo Schiller: „Von Miri. Ich war damals schon lange auf der Suche nach der Frau meines Lebens. Sehnte mich danach, die Eine-für-Immer zu finden. Es war so, als wisse Miri genau, welche Hoffnungen ich habe. Welche Knöpfe sie bei mir drücken muss. Und dann…-„


Der Psychologe fuchtelt mit seinem Notizblock ungeduldig vor Schillers Nase herum, so dass dieser erschrickt und mitten im Satz verstummt.


Dreamweaver: „Schon gut, schon gut. Deine Gefühle sind nicht von Belang in meinem Metier. Überspringen wir das. Sprechen wir jetzt über Viggo.“


Der Langhaarige legt die Akte auf einem Beistelltisch ab, damit er beide Hände frei hat und klatscht dann aufmunternd in Selbige.


Dreamweaver: „Wie hast du ihn während deiner Zeit unter Holly Hutcherson wahrgenommen? War er jemand wie du, der durch eine Art Trick in diese Lage geriet und nicht mehr hinauskam, obwohl er immer eine gewisse Distanz zu Hutcherson bewahrte?“


Schiller muss nicht lange nachdenken. Dreamweaver hat gerade erst geendet, da schüttelt der Dortmunder schon energisch mit dem Kopf.


Timo Schiller: „Nein, ich würde nicht sagen, dass es bei ihm so war wie bei mir. Klar, wir waren beide von Holly beeinflusst und dadurch seine Gehilfen. Aber bei ihm war es nicht Miri oder jemand anders, der ihm etwas vorgespielt hatte. Bei ihm war es Holly direkt. Ich hatte den Eindruck, es hat einfach gut zu ihm gepasst, jemanden zu haben, der ihm sagt, wo es langgeht und was er zu tun hat.“

Dreamweaver: „War Hutcherson für ihn eine Art Idol?“

Timo Schiller: „Ja, sicherlich. Ich glaube, Viggo idolisierte die Führungsstärke Hollys. Weißt du, ich bin kein Psychologie-Experte…“

Dreamweaver: „Anders als ich!“


Zufrieden wird sich der Psychologe zurück in den Sessel und summt und kichert abwechselnd. Schiller fährt davon unbeeindruckt fort.


Timo Schiller: „Aber ich glaube, zu jemandem aufblicken zu können, dass passt gut zu seiner Persönlichkeit. Deswegen hat er leidenschaftlich alles aufgenommen, was Hutcherson ihm gesagt hat. Er konnte leicht geformt werden. Ich glaube, bei ihm gab es nicht so viel inneren Widerstand wie bei mir. Also Widerstand gegen die Fremdsteuerung meine ich jetzt.“


Eine Antwort gibt es für Schiller nicht direkt, denn Dreamweaver ist noch damit beschäftigt, sich Notizen zu machen. Sein Kugelschreiber fliegt nur so über das Papier. Dann blickt er unvermittelt auf.


Dreamweaver: „Kann man also vielleicht sagen, seine Indoktrination war viel tiefer als bei dir…weil er sie bereitwilliger aufnahm?“

Timo Schiller: „So kann man das sagen, ja.“


Verständiges Nicken auf Seiten Dreamweaver. Er vollendet eine weitere Notiz, schlägt das Buch dann unnötig fest zu und trommelt mit den Fingerspitzen auf dem Oberschenkel.


Dreamweaver: „Auch wenn es bei dir nicht so tief war: Wie ist es dir nach deiner Zeit bei Holly Hutcherson ergangen?“


Mit der Frage scheint der Psychologe einen wunden Punkt getroffen zu haben. Schiller blickt betroffen zu Boden. Er kratzt sich unsicher am Kopf und als er dann doch zu sprechen beginnt, blickt er auffällig unauffällig nicht in Dreamweavers Augen, sondern an ihm vorbei im Raum herum.


Timo Schiller: „Ehrlicherweise bin ich ein paar Monate überhaupt nicht klargekommen. Ich bin jeden Tag aufgestanden und wusste nicht, was ich tun soll. Ich habe nur darauf gewartet, dass jemand anderes für mich denkt. Ich war in der Zeit so verwundbar wie nie. Habe mich zurückgezogen. Und wenn ich doch mit anderen Leuten sprach, dann dachte ich stets darüber nach, wie ich sie dazu bringen kann, das zu tun, was ich will. Normale Gespräche waren kaum möglich. Ich wusste einfach nicht mehr, wie man sich eigentlich verhält in einer normalen Welt.“

Dreamweaver: „Und das, obwohl du nur wenige Wochen zu Holly Hutchersons Lager gehörtest. Bei Viggo war es mehrere Jahre so. Daher frage ich dich nun ganz direkt…“


Schiller weicht mit dem Oberkörper zurück als Dreamweaver seinen Sessel näher heranzieht und auf unangenehme Weise die Distanz zwischen ihnen verkürzt.


Dreamweaver: „…hältst du es für unglaubwürdig, dass Viggo heute so unabhängig ist, wie er behauptet? Würdest du auf Basis deiner…eurer…Erfahrungen schätzen, dass es noch eine Schatteneminenz im Hintergrund gibt, die ihn steuert? Oder dass er die Manipulationsstrategien Hutchersons so aufgesogen hat, dass er nun selbst Ask manipuliert und ihm eine Lügengeschichte vorspielt?“


Die Schlussfolgerungen des Psychologen führen dazu, dass Schiller energisch die Hände hebt. Eine abwehrende Geste.


Timo Schiller: „Das würde ich nie behaupten. Das sind Spekulationen…“

Dreamweaver: „Das ist Psychologie.“

Timo Schiller: „…und ich kann nur sagen, wie es für mich war. Ich finde Viggos Verhalten bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass er vor einem halben Jahr noch völlig am Boden war und sich mit Switzenberg dem nächsten Mentor quasi vor die Füße geschmissen hat, weil er nicht klarkommt. Ob das nun bedeutet, dass er lügt oder er sich einfach schnell entwickelt hat, will ich nicht einschätzen müssen.“

Dreamweaver: „Ich glaube, die GFCW-Galaxy möchte klare Antworten. Hat Viggo gute Absichten oder nicht?“

Timo Schiller: „Ich weiß es nicht!“


Wieder trommelt Dreamweaver auf der Sessellehne. Diesmal ungeduldig, untermalt mit einem unablässigen Kopfschütteln.


Dreamweaver: „Tief in dir hast du die Antwort, Timo Schiller. Du musst auf deine innere Stimme hören. Was sagt sie über Viggos Absichten? Wir machen eine Übung. Komm, stell dir folgende Situation vor.“


Unter Schillers skeptischem Blick beginnt Dreamweaver, seine folgenden Ausführungen mit großen Gesten zu untermalen. Er malt die fiktive Situation in die Luft vor ihm.


Dreamweaver: „Stell dir vor, Viggo ist in einem Raum. Jemand gibt ihm eine Pistole und eine Kugel. Er muss sie abfeuern.“


So ganz kann der Dortmunder diesem Gedankenspiel noch nicht folgen. Aber der gekräuselten Stirn ist zu entnehmen, dass er ernsthaft darüber nachdenkt.


Dreamweaver: „In diesem Raum befinden sich ein Kind…“


Freundlicher Tonfall bei Dreamweaver. Mit einer Dutzend Fingerstrichen malt er ein Strichmännchen in die Luft.


Dreamweaver: „…und ein Hund.“


Er senkt die Stimme bis nur noch ein Zischen übrig bleibt und die Hand, mit der er nichts in die Luft zeichnet, wischt er an der Stuhllehne ab, als wäre sie beschmutzt.


Dreamweaver: „Wäre Viggo in der Lage, das einzig Richtige zu tun?“

Timo Schiller: „Hä?“

Dreamweaver: „Wohin würde Viggo schießen?“


Der Dortmunder lehnt sich zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und atmet tief durch, während er das Gedankenexperiment im Inneren zu Ende führt.


Timo Schiller: „In die Wand.“

Dreamweaver: „Interessant…“


Während die nackten Füße über das Parkett tippeln, lehnt sich Dreamweaver vor, um seinen Notizblock wiederzuholen und etwas aufzuschreiben.


Dreamweaver: „Du denkst also, Viggos Absichten sind nicht vollends gut. Er ist nicht so rechtschaffend, wie er vorgibt.“

Timo Schiller: „Das habe ich so nicht ge…-“

Dreamweaver: „Hast du, Timo Schiller. Manchmal sagen wir Dinge, auch wenn wir sie nicht aussprechen. Vertrau mir.“


Ein letztes Mal fliegt der Kugelschreiber über das Papier. Dann legt er die Notizen auf den Knien ab.


Dreamweaver: „Die Sitzung ist beendet. Viel Erfolg bei deinem Kampf, Timo Schiller.“

:::

Das Bild auf dem Monitor erlischt und als die Kamera herauszoomt, werden wieder Mac Müll und Viggo sichtbar. Der Engländer steht da und blickt wortlos mit unbestimmter Miene dorthin, wo eben noch Timo Schiller zu sehen war.


Mac Müll: „Viggo.“


Die Nennung seines Namens holt Viggo aus einer Gedankenstarre zurück in die echte Welt. Er dreht sich erschrocken zu Müll um, als habe er vergessen, dass der Interviewer noch anwesend ist.


Mac Müll: „Es scheint so, dass niemand weiß, was deine wirklichen Absichten sind. Nicht einmal die Leute, die dich am besten kennen.“


Beim letzten Satzteil muss der Angesprochene schlucken. Er blickt zu Boden und dann mit Augen, die traurig und zornig zugleich dreinschauen, wieder nach oben.


Viggo: „Scheint so, ja. Aber was kann ich tun, außer jeden Tag zu beweisen, dass ich es ehrlich meine? Dass ich mich geändert habe? Ich hätte gehofft, man würde mich besser verstehen. Und dann auch noch Timo. Dass er so über mich redet…“


Müll entgeht, dass sich Viggos Hand in der Tasche seiner Jogginghose zu einer Faust formt, wie sich durch den dünnen Stoff abzeichnet. Aber die Kamera fängt die Geste genau ein, zoomt heran.


Mac Müll: „Was jetzt?“

Viggo: „Ausgerechnet Timo. Wieso vertraut ER mir nicht?“

Mac Müll: „Wird sich dadurch etwas für den Kampf verändern?“


Geduldig wartet der Interviewer auf eine Antwort. Doch bevor er eine bekommt, schüttelt Viggo mit dem Kopf und geht davon. Stapft zornig in Richtung des Vorhangs. Manchmal sagen wir Ding, auch wenn wir sie nicht aussprechen.