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Vivian Tolnai: „Manche lernt man lieben und manche lernt man kennen.“
Wir befinden uns in einem Aufzug. Tolnai ist – neben dem Mitarbeiter, welcher die Kamera hält – die einzige Person hier. Die Knöpfe am Rand des Bildes deuten auf mindestens ein Dutzend Stockwerk hin.
Vivian Tolnai: „Zweifelsohne braucht es Zeit, Leute richtig kennen zu lernen.“
Das Ruckeln und Rauschen im Hintergrund verraten uns, dass der Fahrstuhl unterwegs ist. Der Pfeil nach oben blinkt.
Vivian Tolnai: „Zum Glück gibt es einige Männer, die unseren baldigen Wrestling-Rentner Robert Breads schon seit einer gefühlten Ewigkeit kennen.“
Der Fahrstuhl kommt zum Halten. Die Türen gleiten mit einem Surren auf. Tolnai lächelt in die Kamera.
Vivian Tolnai: „Zwei davon haben wir sprechen können.“
----- ERIC
FLETCHER
Da sitzt er ganz unscheinbar herum, der Commissioner, der nicht Gordon heißt, weil das ein anderer weit unbedeutenderer Charakter der GFCW Geschichte wäre und hat sich richtig schick gemacht. Dass sein Blumenhemd diesmal in rot und weiß gehalten ist, ist natürlich rein zufällig, wobei bei genauerem Hinsehen aber deutlich wird, dass das keine Blümelein sondern Ahornblätter sind. Aha – also doch kein Zufall.
Der Candy Man hat es sich in seinem Büro bequem gemacht und kann nun das tun, was er am besten tun kann, nachdem er nicht mehr kämpfen tut. Reden.
Eric: „Robert Breads beendet also eine Karriere…und diesmal nicht die von meinem Bruder.“
Ein verschmitztes Lächeln huscht über Eric Fletchers Gesicht, aber egal, schnell weiter im Text.
Eric: „Eine Karriere ist aber auch Quatsch. DIE Karriere.“
Er schüttelt den Kopf und atmet einmal durch.
Eric: „Leute, ihr kennt mich, ich habe mir hier keine große Rede für Robert Breads vorbereitet, ich rede hier jetzt locker von der Leber weg als wäre es 2011 und ich würde mich über ICQ mit ihm zoffen. Die älteren Generationen erinnern sich noch, dass es mal etwas vor Whatsapp gab um jemandem schon vor der Show zu sagen, dass man ihm im Match später ordentlich eine reinhauen wird…was wir immer wieder mal gemacht haben.“
Wieder ein Lächeln.
Eric: „Aber gar nicht so häufig. Wir hatten nie DIE große Geschichte, wir waren nie DIE Feinde, Freunde oder wasauchimmer. Wir waren einfach zur gleichen Zeit am gleichen Ort…und das war mein Problem.“
Er bläst amüsiert Luft durch die Nase und schüttelt wieder einmal kurz den Kopf.
Eric: „Ich fand mich immer gut, begabt, erfolgreich, alle möglichen positiven Adjektive, die du im Duden findest. Selbst slay, wenn das heutzutage schon drin steht…aber egal, was ich gemacht habe, Robert Breads war da und Robert Breads war größer. Selbst als World Champion war ich eine der Ausnahmen, die nicht im Main Event von Title Night standen…weil Robert Breads in dem Jahr einfach wichtiger war als der Titel. Weil Robert Breads IMMER mehr war als einfach nur ein Titel.“
Kurzes Durchatmen.
Eric: „Was er tat, war wichtig. Egal was. Sein Streit mit Dynamite, seine Geschichte mit Chris McFly, Zereo Killer, Performance Center, völlig egal. Wo Robert Breads drauf stand, war Wichtiges drin also warum sollte das heute auch anders sein? GFCW – 25 Jahre – der wichtigste Abend des Jahres. Und wer steht im Main Event? Der Mann, der die GFCW 15 Jahre lang wichtig machte. Robert Breads.“
Ein Nicken. Mal kein Witz, mal keine Ironie, einfach nur Anerkennung. Ist doch auch mal nett.
Eric: „Robert Breads war mein Problem…aber ich hätte zu keiner anderen Zeit aktiv sein wollen. Er holt das absolut Beste aus jedem einzelnen raus, der irgendwie in seinem Umfeld herumschwirrt und jeder, der irgendwann mit ihm zusammenarbeitete, profitierte davon…also…außer mein Bruder.“
Da ist dann doch wieder der kleine billige Gag.
Eric: „Robert – viel Erfolg heute Abend. Nicht für einen letzten Sieg, den brauchst du nicht. Aber für einen Abschied, der dir würdig ist. Du verdienst alles.“
----- KRISS
DALMI
“Robert Breads. Bobby. Broti. Kanadas Schande... hat sein letztes Match? Habe ich das so richtig verstanden?”
Als die Kamera aufblendet, erblickt der geneigte Zuschauer ein Gesicht, das man in der GFCW schon etwas länger nicht mehr über die Empfangsgeräte flimmern sehen durfte. Unerbittlich scheint auch bei ihm der Zahn der Zeit die Jugendlichkeit abgetragen zu haben. Der weitestgehend gepflegt wirkende Vollbart ist grau meliert. Die Stirn zieren mehr Falten als noch vor ein paar Jahren und die zu einem strengen Zopf gebundenen Haare scheinen nicht verstecken zu wollen, dass die Stirn inzwischen ein paar Millimeter gewachsen ist.
“Du klingst darüber nicht so glücklich.”
Kriss Dalmi ist offensichtlich nicht glücklich, das kann die missmutige Visage des Serben kaum verheimlichen. Der sitzt ungewohnt förmlich im grauen Sakko, schwarzen Kragenhemd und burgunderroter Krawatte an einem Ort, der im scharfen Kontrast zu seiner Garderobe steht. Die Mustertapete aus den 70ern im Hintergrund blättert an mehreren Stellen von der kahlen Wand ab. Am unteren Bildrand lässt sich erkennen, dass diverse leere Flaschen und anderer Unrat auf einem Tisch oder einer Kommode stehen und vermutlich schon seit Jahren vergeblich darauf warten, entsorgt zu werden. Komplementiert wird das Kameralicht von einer geräuschvoll flackernden Leuchtstoffröhre, die Morsezeichen ihrer Erlösung aussendet. Wüsste man es nicht besser, könnte man denken, dass sich der namenlose Interviewer, die Stimme aus dem Off, in einer Drogenhöhle irgendwo in Lazarevac, dem Hotspot der Drogenkriminalität in der Metropole Belgrad befindet.
Kriss Dalmi: “Weißt du was, Brate? Er kann sich ficken gehen! Robert Breads soll sich ganz offiziell ins Knie ficken! So lange bis seine Pimmelkuppe wieder aus seiner Kniekehle rausguckt, dieser Ekelhafte!”
Ätzende, lautstake Flüche verlassen das serbische Schandmaul, die Augäpfel stieren bedrohlich am Kameraobjektiv vorbei, hin zu einem Punkt außerhalb des Bildbereichs, wo der Ursprung der körperlosen Stimme sitzen muss.
Kriss Dalmi: “Du jämmerliches Gezücht wagst es ernsthaft, hier heute angeschissen zu kommen, um mir das erzählen?! Willst du vielleicht sterben oder so?”
Der Belgrader schnellt aus dem ramponierten Stoffsessel hoch und gibt den Blick auf seine FK Partizan-Merchandise-Boxershorts preis.
Interviewer: “A-aber, aber müsstest du dich nicht eigentlich freuen? Robert Breads beendet seine Karriere, du wirst ihn danach nie wieder sehen müssen.”
Kriss Dalmi: “Ja, aber das ist doch das verfickte Problem! ER beendet seine Karriere! NICHT ICH!”
Die zuletzt gebrüllten Worte klingen heiser, die Finger zu einer bebenden Faust geballt.
Kriss Dalmi: “...nicht ich...”
Der Belgrader lässt sich wieder in den Sessel fallen, schaut enttäuscht (?) in die Leere. Ein nervöses Räuspern geht durch den Raum.
Interviewer: “Nimm unsere Zuschauer_Innen doch mal bitte an die Hand. Du warst nun etwas länger nicht mehr in der GFCW aktiv und einige werden sich fragen, warum es dir so wichtig ist, für das Karriereende von Robert Breads verantwortlich zu sein?”
Wie um die plötzlich hervorgebrochene Frustration zu überspielen, legt sich ein nostalgischer Schmunzler auf das Antlitz des Serben.
Kriss Dalmi: “Nun, ich hätte es wohl verdient.”
Interviewer: “Ver-dient...?”
Die Stimme des jungen Mannes, der den Auftrag erhalten hat, in das Herz der serbischen Drogenhölle zu reisen, um Bild- und Tonmaterial für ein Showsegment zu sammeln, klingt verwirrt.
Kriss Dalmi: “Pakao! Ja, verdient!”
Zeige- und Mittelfinger spreizen sich von der Faust ab.
Kriss Dalmi: “Ich und Breads – wir gehen ‘way back’ wie die Kids zu sagen pflegen.”
Die Mundwinkel des einstigen GFCW-Intercontinental Champions heben sich leicht an, der noch eben stierende Blick schweift in eine andere Richtung.
Interviewer: “Das war aber nicht in der GFCW, sondern in der PCWA, richtig?”
Phoenix Crossover Wrestling Association. Pro Wrestlings Babylon. Ähnlich wie der mesopotamische Stadtstaat ein Hort der Barbarei und Dekadenz, der an seinem Frevel letztlich zugrunde ging.
Kriss Dalmi: “Berlin war die schicksalhafte Kreuzung unserer Karrieren, dort wo die Winde die eingeäscherten Überreste des Phönix längst in alle Himmelsrichtungen getragen haben. Ich wollte...”
Elevens Aufmerksamkeit.
Kriss Dalmi: “...Kunst schaffen. Waghalsige, grenzüberschreitende Kunst schaffen. Ich rührte die immerwährende Gewaltspirale der PCWA zu einem karmesinroten Mahlstrom an, führte filigran geführte Pinselstriche aus dem Scharlach meiner Feinde über die Leinwand. Ich verwandelte sie, gab ihnen Bedeutung. Mein blutiges Handwerk wurde über den Äther geschickt, Millionen legten Zeugnis davon, wollten sehen wie die Ringmatte sich immer weiter einfärbte. Aber den einen Kritiker konnte ich nicht von meinem künstlerischen Schaffen überzeugen.”
Interview: “O-kay...?”
Kriss Dalmi: “Robert Breads war der Redliche, der Unkorrumpierbare, das reine Gewissen einer Liga, die die Schlagzeilen der Wrestling Blogs und Newsletter eher wegen ihrer Ränkespiele und der sich wandelnden Allianzen unter den Protagonisten oder den Fäden ziehenden Marionettenspielern im Hintergrund beherrschte. Wenn du so willst, war er mein gordischer Knoten, den es zu lösen galt.”
Der zuvor noch wehmütige Ausdruck auf dem Gesicht von Dalmi wandelt sich in einen Blick, der authentische, ja fast schon kindliche Freude herauslesen lässt.
Kriss Dalmi: “Weißt du, ich und er, wir waren beide Dickköpfe, die der Welt etwas zu beweisen hatten. Es ging nicht bloß darum, wessen Arm in einem Wrestlingring nach dem Eins-Zwei-Drei vom Ringrichter im Freudentaumel des Runds gen Himmel emporgereckt wird. Es ging nicht um die Kulmination tausender Stunden des Trainings, der Anwendung des akkumulierten Wissens und des geschärften Muskelgedächtnisses in einem einzigen, unwiederholbaren Augenblick. Es ging nicht um einen weiteren Strich in einer Tabellenspalte, damit in ein paar Jahren später ein hobbyloser Einsiedler vor seinem Computer Prozente im Nachkommastellenbereich ausrechnet, damit er eine Diskussion auf einem Wrestling-Subreddit darüber gewinnt, wer denn nun der eigentliche G.O.A.T. im Pro Wrestling ist.”
Interviewer: “Mit Verlaub, genau darum scheint es Robert Breads immer gegangen zu sein.”
Kriss Dalmi: “Das ist aber falsch, mein kleiner einfältiger GFCW-Praktikant.”
Die letzten Worte zischen zwischen den gefletschten Zähnen des Belgraders hervor.
Kriss Dalmi: “Es ging immer um Philosophie. Der Kampf ist nur das Mittel. Am Ende wollte ich beweisen, dass Robert Breads mit seiner Sichtweise falsch liegt. Und Robert Breads wollte beweisen, dass ich falsch liege.”
Und dass auch die PCWA falsch lag.
Kriss Dalmi: “Ich habe ihm die Cryption Crown genommen, seinen... PCA Wrestling Title.”
Verächtlich schnauft der einstige Führer der sogenannten Junkie World Order-Sekte, als er Robert Breads Eigenbezeichnung für den damaligen Midcard-Titel der PCWA fast schon ausspeit.
Kriss Dalmi: “Ich habe ihm bewiesen, dass meine Philosophie der ungebremsten Gewalteskalation alternativlos ist. Auch mit Breads wollte ich ein Kunstwerk aus Blut schaffen.“
Animalistic Bodyparts for Sale. Ein geschmackloses Spektakel, für das die nach Mord und Totschlag dürstenden PCWA-Fans beim Imperial Impact 9-PPV abgestimmt hatten – ein Death-Match, in dem Körperteile toter Tieren als Waffen zweckentfremdet werden durften. Mit den ausgedruckten E-Mails empörter Zuschauer, Politiker und Tierschützer hätte man zu seiner Zeit wohl den gesamten Reichstag tapezieren können. Ein Robert Breads hätte dieser Perversion eines Wrestlingmatches unter normalen Umständen niemals zugestimmt, hätte Kriss Dalmi ihm nicht damit gedroht, seinen damaligen Protegé NEON LOVE unter Drogen zu setzen. Breads stimmte zu. Nur um danach hilflos mitansehen zu müssen, wie NEON LOVE trotzdem die AstroHappy-Substanz von Dalmi verabreicht wurde.
Kriss Dalmi: “Nicht nur mein Sieg gegen Breads war ein Triumph über die aus der Antike erwachsenen und von ihm verkörperten sportlichen Werte unseres Sports. Sogar meine Niederlagen – wenn man sie denn wirklich so nennen will – waren es.”
CORE 2013 – ein Event das in jeder Season dem Ringkampf in seiner reinsten Form gewidmet war. Jedes Match bei diesem PPV musste nach den klassischen Pro Wrestling-Regeln ausgetragen werden. Als amtierender Cryption Crown-Champion, durfte Kriss Dalmi in seinem Rematch gegen Robert Breads jedoch bestimmen, in welcher Matchart er den Titel verteidigen durfte. Freilich zog es der Serbe vor, seinen Titel in einem Hardcore-Match auszukämpfen. Das Dilemma wurde damals von der damaligen Besitzerin der PCWA, Jona Vark, gelöst, indem sie im Sinne der altertümlichen Tradition bestimmte, dass das Titelmatch als Singles Match stattfinden musste. Sehr zum Missfallen von Kriss Dalmi.
Interviewer: “Sie sprechen von der...”
Ein dumpfes Schlucken ist zu vernehmen.
Interviewer: “...Kreuzigung.”
Kriss Dalmi: “Dieses kleine widerspenstige Fötzchen Jona Vark – Ruhe in Pisse! – konnte es nicht lassen, sich in meine Angelegenheiten einzumischen. Also musste sie… umgestimmt werden.”
Ein eiferndes Feuer entfacht sich in den Iriden des Serben.
Kriss Dalmi: “Azrael Rage und meine Wenigkeit haben mit ein wenig Assistenz von Jeffrey Ron Arrow den Musterknaben des Pro Wrestlings und ein paar Metern Stacheldraht ans Petruskreuz gefesselt. An diesem Tag transzendierte er zu meinem schönsten, meinem bedeudendsten Kunstwerk.”
Einer der unheimlichsten Schaffensmomente des damaligen Cryption Crown-Champions. So wie unzählige andere Skandale, die die PCWA über die Jahre begleiteten, hüllten mit Ausnahme einiger weniger Wrestling-Chronisten der Großteil der Fans den Mantel des Schweigens über die abartige Performance Kunst, die Dalmi der Zuschauerschaft feilbot. Vielleicht war das geschmacklose Treiben des „Künstlers, der mit Blut malt“ in der PCWA aber auch einfach nur trivialer, als er es wahrhaben wollte.
Interviewer: “Schlussendlich verlorst du die Cryption Crown jedoch wieder an Robert Breads. In einem unsanktionierten Match.”
Kriss Dalmi: “Aber habe ich wirklich verloren?”
Interviewer: “Wie meinst du... so hat es sich doch zugetragen!”
Der Belgrader schüttelt den Kopf, schmunzelt. Spielt sein Gedächtnis ihm ob des jahrelangen Drogenmissbrauchs in diesem Augenblick einen Streich?
Kriss Dalmi: “Oh sicher, Robert Breads hat mich besiegt. Er hat seinen Titel zurückgewonnen. So ist es in den Geschichtsbüchern unwiderruflich niedergeschrieben. Und doch ist er in einem unsanktionierten No Holds Barred-Match angetreten, das er nicht wrestlen wollte und in dem er letztlich alle seine Prinzipien über den Haufen geworfen hat. Wenn man so will, wurde ich durch ihn selbst zu einem Kunstwerk, verwandelt von Stuhlschlägen in sich vor Schmerzen windenden Fleischklumpen, sodass ich noch am gleichen Abend in die Berliner Charité gefahren werden musste.”
Interviewer: “Das klingt doch nach einem sehr eindeutigen Matchausgang.”
Kriss Dalmi: “Aber nein, du minderbemittelte Kreatur. Ganz und gar nicht eindeutig. Er hat einen Pyrrhussieg erlangt, indem er all seine Ideale verraten hat, um seinen sogenannten PCA Wrestling-Title zurückzuerlangen, der zu dem Zeitpunkt längst nur noch ein wertloses, entweihtes Stück Metall war. Entweiht durch... moi.”
Theatralisch ausladend deutet Dalmi dabei mit seinen beiden Zeigefingern grinsend auf sich selbst. Es scheint der alte Wahnsinn aus der Ära des Künstlers hervorzuquillen.
Kriss Dalmi: “Willst du auch darauf eingehen, wie ich Breadsy um seinen Undisputed Gerasy Title herausgefordert habe?“
Interviewer: “Ja, das ist die nächste große Etappe in eurer Historie gewesen. Die PCWA-Fans hatten per Voting entschieden, dass du beim Imperial Impact 11 sein Gegner auf den höchsten Titel der PCWA sein solltest. Ausgerechnet in einem ganz üblichen… Singles Match…?!”
Die Stimme senkt sich nicht, so als wolle der Interviewer noch einen Satz wie „Was hast du dir denn dabei gedacht?!“ anfügen.
Kriss Dalmi: „Natürlich in einem Singles Match.“
Die von zahllosen Hardcore-Schlachten vernarbte Stirn des Belgraders runzelt sich. Der Interviewführer kommt erst gar nicht dazu, diese aus Kriss Dalmis Mund absurd klingende Aussage infrage zu stellen.
Kriss Dalmi: „Was dir die Geschichtsschreiber und insbesondere Robert Breads vorenthalten, ist, wie ich einmal mehr in seine Hirnwindungen kriechen und den Samen der Zweifel aussähen konnte.“
In einem Tag Team-Match zwischen Robert Breads & Chris McFly Jr. auf der einen, sowie S1margl & Kriss Dalmi auf der anderen Seite, gelang dem Team der einstigen Kellerbrut der Nicotine & Bacteria-Bewegung das Unfassbare.
Kriss Dalmi: „Ich pinnte ihn. Einfach so. Ohne einen vorausgegangenen Lowblow. Ohne den Einsatz von Waffen. Ohne Hilfe von Außerhalb.“
Mit dem Zeigefinger beginnt Kriss Dalmi freudig erregt ein Loch in seine Schläfe zu bohren.
Kriss Dalmi: „Ich weiß, dass er das niemals zugeben würde. Hat er damals nicht und wird er auch heute nicht tun. Selbst wenn ich ihm den geladenen Revolver auf die Brust setze.“ Interviewer: „Was würde er nicht zugeben?“ Kriss Dalmi: „Dass er Angst hatte.“
Kritisch beäugt der Serbe den körperlosen Gesprächsführer einen Lidschlag lang, wartet ob sich auf dem unsichtbaren Gesicht eine Emotion regt. Die erwartete Reaktion scheint jedoch auszubleiben, sodass er einfach fortfährt.
Kriss Dalmi: „Ich spreche nicht von der Angst, einfach nur einen Titel zu verlieren. Es wäre in seiner geschichtsträchtigen Karriere nicht die erste Meisterschaft, die Breads hätte abtreten müssen. Ich spreche von der Angst, falsch zu liegen. Ich spreche von der Möglichkeit, dass die Amerikaner die Mondlandung letztlich doch in einem Filmstudio inszeniert haben. Die Möglichkeit, dass die Titanic nur aufgrund eines milliardenschweren Versicherungsbetrugs auf einen Eisberg zugesteuert ist. Die Möglichkeit, dass die Ewigen im Innern der Hohlerde eben doch darauf warten, Agartha zu verlassen und sich die Erde erneut untertan zu machen. Was wäre, wenn…“
Dalmis Mundwinkel streben abermals nach oben.
Kriss Dalmi: „…ein einziger Augenblick ausgereicht hätte, um deine gesamte Weltanschauung aus den Angeln zu reißen? Was wäre, wenn Kriss Dalmi doch mehr ist, als der tumbe Hardcore-Schläger, an den man sich nur aufgrund seiner Gewalteskapaden erinnerte? Kannst du dir vorstellen, was das für den Kanadier bedeutet hätte? Ein unvergesslicher Gesichtsverlust – besiegt in der eigenen Paradedisziplin, in einem ganz herkömmlichen Singles Match.“ Interviewer: „So ist aber nicht gekommen. Robert Breads war siegreich. Erneut.“
Dalmi massiert sich mit Daumen und Zeigefinger die Stirn, verzieht entnervt das Gesicht.
Kriss Dalmi: „Kretinu! Du verstehst GAR NICHTS!“
Der Serbe schnellt ob seines unvermittelten Ausbruchs nach vorne, krallt sich dabei in den löchrigen Filzbezug seines Sessels und verlässt dabei beinahe den Bildbereich der Kamera. Die körperlose Stimme protestiert nicht, gibt dem einstigen Rivalen des heutigen Main Eventers den Raum, um dem Ärger Luft zu machen.
Kriss Dalmi: „Denkst du, all die Dinge, die ich ihm angetan habe, sind einfach so spurlos an ihm vorbeigegangen? Denkst du, nachdem er diesen dornigen Pfad der Qualen beschritten hat, war er der gleiche Mann wie noch zuvor? Sein ganzes Selbstverständnis, sein Blick auf die natürliche Ordnung der Dinge – wie Knetmasse habe ich sie umgeformt. Mein Werk war der unbehandelte Zeckenbiss, der streuende Tumor. Mal um Mal forderte ich einen Teil seiner Seele ein.“ Interviewer: „Da gibt es sicherlich einige Fans, die dieser Auffassung zustimmen würden. Wenn auch nicht so… wortreich.“
Der sogenannte Meister der Geschmacklosigkeiten lässt sich zurück in den Sessel sinken, anscheinend befriedet, ob dieses Zugeständnisses.
Interviewer: „Das führt uns dann zurück in die GFCW. Dort bist du im Rahmen der Road to the 20th Anniversary-Show zurückgekehrt. Etwa ein halbes Jahr später wurdest du dann ausgerechnet von Robert Breads herausgefordert.“ Kriss Dalmi: „Und das sollte dir doch Beweis genug sein, dass ich mietfrei in einem königlichen Anwesen in seinem Kopf hause. Warum sonst wäre er wieder angekrochen gekommen? Nicht einen Danny Rickson hat er angefleht. Oder einen Stevie Van Crane. Oder einen Marvin Percio. Nein, ich war das Trauma, das er bewältigen musste, die Antithese, die es zu widerlegen galt, um nach einer Durststrecke voller Niederlagen die Möglichkeit zu erhalten, einmal mehr vom Nektar des Triumphs kosten zu können. Ich habe Barmherzigkeit gezeigt. Was wäre andernfalls aus ‚Canada’s Own‘, dem Besten der Welt geworden? Ein depressives Häufchen menschlichen Elends. Ein Mann, der auf seinem Höhenflug der Sonne zu nah gekommen ist, der sich zu lange auf seinen früheren Lorbeeren ausruhte und träge geworden ist.“ Interviewer: „Euer einziges Aufeinandertreffen bei einem PPV war dann 2022 bei Ultra Violence in einem sogenannten Impure Rules Match, einer… manche würden sagen Pervertierung eines traditionellen Catch-Wrestling-Matches europäischer Prägung mit Hardcore-Elementen. Und auch dort konnte Breads dich…“ Kriss Dalmi: „Überleg dir gut, ob du diesen Satz beenden möchtest, drkadžijo.“
Die Stimme aus dem Off hält inne. Dies war wohl des berühmte eine Mal zuviel. In diesen Sekunden wirkt der Serbe so, als wolle er sich eines tollwütigen Raubtieres gleich auf seinen Interviewpartner stürzen und buchstäblich zerfetzen. Augenblicklich kehrt jedoch wieder die Sänfte in die Gesichtszüge des Belgraders zurück – ein plakatives Zurschaustellen eines Stoizismus, der wohl nur in der Einbildung des Protagonisten existiert.
riss Dalmi: „Lass uns kurz zu deiner ursprünglichen Frage zurückkommen. Wie lautete die nochmal?“ Interviewer: „Wa-warum hast du es verdient, seine Karriere zu beenden?“ Kriss Dalmi: „Weil niemand anderes einen größeren Einfluss auf sein Leben hatte.“
Eine groteske Aussage, misst man sie an der gesamten Karriere von „Canada’s Own“. Und doch bringt Dalmi sie mit stählerner Entschlossenheit hervor.
Kriss Dalmi: „Nach all der Zeit schuldet er es mir.“
Die steinerne Miene Dalmis ist direkt auf die Kamera gerichtet.
Kriss Dalmi: „Also werde ich diese Schuld einfordern.“
Laura:
„Dieses Match ist ein Title vs. Career-Match um die GFCW
Intercontinental Championship. Sollte der Herausforderer dieses
Match verlieren, ist er gezwungen, seine aktive Karriere in der
GFCW mit sofortiger Wirkung zu beenden!" Zeit für den Champion. Und für die Abrechnung. Heute geht es für Darragh nicht nur darum, sein Gold zu behalten; es zählt auch (und vor allem), die Karriere jener aufmüpfigen Kreatur zu beenden, die es wagte, sich gegen ihren Schöpfer aufzulehnen. Einem Kerl, der Switzenberg nicht nur den Hund, sondern auch die Autorität genommen hat. Und damit in den Augen Darraghs selbst zu einem HUND wurde. Den es einzuschläfern gilt. Zu den gewohnt epochalen Klängen von Vangelis' Hymne tritt der Kanadier durch den Vorhang. Um seine Hüften glänzt der Intercontinental-Titel. Sein Blick ist starr und auf den Ring gerichtet, die Buhrufe der Fans ignoriert er mit der switzisch-unnachahmlichen Gleichgültigkeit. Der Titelverteidiger marschiert langsamen Schrittes über die Rampe, während goldene Scheinwerfer den Boden vor ihm beleuchten und Sterne auf die Rampe zaubern. Der Weg zum Ring wird zum mobilen Walk of Fame. Pete: „Vor mehr als einem Jahr begann es mit dem Titelgewinn gegen Viggo. Heute steht Switzenberg noch immer als der Mann da, der die Regeln macht. Der Verträge verteilt. Aber seine Macht hat Grenzen. Rausschmeißen kann er Zac nicht einfach so. Dafür braucht es diesen Sieg." Sven: „Alles oder Nichts. Eine solche Wette ist Darragh schon öfter eingegangen." Pete: "Aber noch nie gegen Zac." Sven: "Das klingt, als wäre Alonso krass. Aber schau dir Switzi an, Pete: SO sieht ein krasser Typ aus." Switzenberg trägt lange rote Tights mit seinen Initialen auf dem Gesäß und goldenen Verzierungen auf der Vorderseite. Die Hose mutet an, als wäre sie aus Samt. Seine körperliche Verfassung ist weiterhin tadellos; die Muskelmasse an Armen und Beinen wirkt unter dem Hallenlicht massiv, das breite Kreuz so unnachgiebig wie eh und je. Laura: „Mit einem Gewicht von 117 Kilogramm, aus Kanada... er ist der dreifache und amtierende GFCW-Intercontinental-Champion: DARRAGH SWITZENBEEEEEERG!" Switzenberg steigt die Ringtreppe hinauf und tritt auf den Apron. Im Ring steht Laura, sie hat ihren Job eigentlich bereits erledigt. Eigentlich. Ein kurzer, fordernder Blick von Darragh in ihre Richtung genügt, und die Ansagerin weiß, was von ihr gefordert ist. Sie seufzt und fügt sich, marschiert an den Ringrand und drückt routiniert das mittlere Seil nach unten, um dem Champion den Einstieg zu vereinfachen. Switzenberg würdigt sie keines Blickes. Genausowenig erkennt er bislang die Anwesenheit Alonsos an. Sein einstiger Switzidogisstant steht konzentriert in der Ecke, beobachtet den Auftritt Darraghs mit stummer Abscheu. Der Champion jedoch dreht ihm durchgängig den Rücken zu. Es geht nicht um Zac, es geht um ihn. Es geht immer nur um ihn. Denn er ist Darragh Switzenberg. Darragh Switzenberg: "Ich bin Darragh Switzenberg." Er lockert die Schultern, während er den Titel abnimmt und ihn dem Referee Mike Gard übergibt. Natürlich nicht, ohne im Befehlston zur Vorsicht zu mahnen, schließlich erwartet er den Preis in wenigen Minuten zurück. Bevor er sich in seine Corner zurückzieht, wendet er sich kurz der Ecke Alonsos zu und vollzieht die Geste des Switzilocks. Der Move, mit dem er Jason Crutch bei Title Night geschlagen hat. Ein stummes Versprechen an Alonso. Es ist das erste Mal, dass er überhaupt seinen Herausforderer wahrnimmt. Dann ruft Mike Gard beide Athleten in die Ringmitte.
Er bleibt. Zac Alonso bleibt auf der Matte liegen. Er blutet und Tränen rinnen ihm aus den Augenwinkeln. Aber es sind verdammt nochmal gute Tränen und das Blut ist ihm scheißegal. Er bekommt die Ekstase in der Halle nur als dumpfes Dröhnen mit, sieht die hüpfenden Zuschauer nur durch einen Schleier der Benommenheit. Er merkt nicht einmal, wie sich Switzenberg aus dem Ring rollt und draußen liegen bleibt. Geschlagen, geprügelt. Von ihm. Der
neue Champion versucht, sich aufzurichten. Mike Gard stützt Alonso dabei, als dieser die Arme in die Luft reißt und den lautesten Schrei des Abends rauslässt. Alles liegt in diesem gutturalen Laut. Nicht nur der heutige Sieg, nicht nur die Freude – nein, es ist der aufgestaute Zorn von einem Jahr. Von Demütigungen, Zurückweisungen. Am heutigen Tag ist Zac Alonso nicht nur der König des Saloons. Er ist ein echter König. Der Intercontinental-Champion. Als ihm der Titel gereicht wird, drückt Alonso das wertvolle Stück an die Brust wie eine Mutter ihr Kind. Seine Theme spielt und geht doch fast in den Jubelrufen unter.
Und kommen sie auf die Rampe.
Pheasant Warrior. Creed Gibson. Andrew Costalago. Freunde, die er am heutigen Tag gemacht hat oder die er in den vergangenen Monaten unterstützt hat, seitdem er sich auf dem richtigen Pfad befindet. In einem Käfig, den der Fasanenkrieger trägt, schlägt der heilige Fasan aufgeregt mit den Flügeln. Er gockt. Und neben ihm – an einer Leine von Creed Gibson geführt – wedelt der Zacidog mit dem Schwanz. Der treue Labrador versteht nicht, was dieser Sieg für sein Herrchen bedeutet. Aber er weiß, dass es etwas Besonderes sein muss. Tiere spüren das. Und so fällt der Zacidog Zac um den Hals, kaum dass er im Ring angekommen ist. Schleckt ihm durchs Gesicht. Alonso hebt den Titel ein weiteres Mal in die Luft. Costalago, der Riese des Cirque du Tonnerre, hebt ihn auf die Schultern, trägt ihn von einer Ringecke in die andere. Zac Alonso – der Champion. Der Triumphator. Zu seinen Füßen die Fans und seine applaudierenden Freunde. Der Hund und der Fasan. Doch vor allem all jene Menschen, denen er ans Herz gewachsen ist. Und er wird bleiben. Denn er ist nicht Darragh Switzenberg. Er ist Zac Alonso.
Es wird in einen dunklen Raum geschalten. Ein blaues Licht durchfährt diesen, sodass wir zumindest ein bisschen was erkennen können. Eine Szenerie, die dem ein oder anderen vielleicht nicht ganz unbekannt vorkommt.
„Anarchy is coming.“
Während wir diese Worte hören, tritt bereits jemand aus der Dunkelheit, in Richtung der Kamera. Der Raum ist wie gesagt schwarz, die Person bekommt nun aber genug Licht ab, dass wir sie klar erkennen können und ja, wem machen wir was vor, selbstverständlich handelt es sich hierbei um GFCW-Champion The End, der ganz zu Beginn seiner GFCW-Karriere recht häufig aus einem solch finsteren Raum gesprochen hat. Jetzt steht da allerdings eine gestandene GFCW-Größe mit dem wichtigsten Titel der Liga. Sein Gesicht ist Ernst, wenn auch freudig-ernst.
The End: „Einst, war das die Botschaft, die ich in die GFCW gebracht habe. Heute feiern wir 25 Jahre GFCW… und 5 Jahre The End.“
Tatsächlich – bei der Jubiläumsshow zum 20-jährigen Geburtstag der GFCW haben wir The End zum ersten Mal gesehen, in eben diesem dunklen Raum.
The End: „Vor fünf Jahren, hat all das hier für mich begonnen. Mit Thomas Camden, Alex Ricks und Anarchie. Mit einem großen Plan – die Liga ins Chaos zu stürzen. Fünf Jahre später stehe ich nun hier, als zweifacher und amtierender GFCW-Champion und es gibt wohl niemand Anderen, der die letzten fünf Jahre, der 25 Jahre GFCW, so sehr geprägt hat wie ich.“
The End mag keine Anarchie gebracht haben, zumindest nicht so, wie er es ursprünglich wollte und seine Tage als selbsternannter King of Anarchy liegen auch lange hinter ihm, aber unbestritten dürfte sein, welchen Stellenwert er in der GFCW eingenommen hat. Heute steht er dementsprechend als der Champion der Liga hier und dieses Bewusstsein über sich und die eigene Position in der GFCW merkt man ihm an, wie schon in den letzten Wochen. Es ist eine Spur Arroganz, aber es ist auch ein gewisser Stolz über das, was er sich erarbeitet und aufgebaut hat. Es ist eine Selbstverständlichkeit, mit der End sich selbst betrachtet. Und anhand der Reaktionen der GFCW-Galaxy merkt man, dass es wohl auch andere so sehen als nur er selbst.
The End: „In den letzten fünf Jahren, habe ich gegen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der GFCW gekämpft… und fast immer gewonnen. Ich habe Leviathan übernommen und eigenhändig besiegt. IC-Title, World Title, Wrestler des Jahres… alles, habe ich mir erarbeitet. Und schließlich… und schließlich musste ich sogar gegen meine eigene Vergangenheit kämpfen. Aber auch das, habe ich erfolgreich getan. James Corleone und Aldo Nero wären wohl nie in die GFCW gekommen, wenn ich nicht gewesen wäre. Aber ich war, sie kamen und ich habe sie besiegt. 25 Jahre GFCW und 5 davon nicht nur mit The End, die letzten fünf Jahre waren The End. Und ich bin noch lang nicht fertig.“
End spricht diese Worte nicht, als wolle er sich selbst unverdient hoch hypen, er spricht diese Worte, als wäre er tatsächlich der Meinung, dass er die Wahrheit spricht. Vermutlich übertreibt er etwas, aber ganz abzustreiten ist es nicht, dass er bis zu einem gewissen Punkt recht damit hat. Er hat seinen Fußabdruck hinterlassen, wie kaum ein anderer und das auf mehr als nur einer Hinsicht.
The End: „Bei Title Night hat ein neues Kapitel begonnen, das sagte ich bereits. Ich habe die Wrestling-Welt aufgefordert sich mir zu stellen, wenn sie mein Gold wollen. Und nicht eine, sondern zwei Frauen, deren Ursprung NICHT die GFCW ist, haben sich dieser Herausforderung gestellt. Und ich stehe zu dem, was ich sage. Sie wollen den Titel, heute bekommen sie ihre Chance. Allerdings… ist das eigentlich nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, den Titel zu verteidigen. Eure Aufgabe, GFCW, ist es ihn sich zu verdienen. Vor fünf Jahren war das mein erklärtes Ziel und heute stehe ich hier und kann von mir behaupten, dass ich es erreicht habe.“
End rückt sich den Gürtel auf seiner Schulter zurecht.
The End: „Könnt ihr das auch? Wollt ihr das auch? GFCW. Die Zukunft liegt in euren Händen.“
Es wird mehr als deutlich, an wen The End diese Worte spricht, viel weniger an die GFCW-Galaxy als vielmehr an die Wrestler der GFCW.
The End: „Tut euer Möglichstes, um die beste GFCW zu erschaffen, die es je gab.“
Spätestens jetzt ist auch klar rauszuhören, woher die Worte stammen, die The End spricht. Ob es als Hommage gedacht ist oder The End vielmehr die Message unterstützt, sei mal dahingestellt. Aber The End sagt, was Robert Breads vor zwei Wochen in seinen abschließenden Worten gesagt hat und er meint es nicht weniger ernst.
The End: „Ich werde es tun und meine erste Aufgabe dafür liegt heute darin den Championship gegen die Titelträgerin der WFW zu verteidigen. Stella Nova. Sie ist in einer ähnlichen Position wie ich, als Champion einer Liga und das respektiere ich.“
End rümpft die Nase, als wolle er etwas klarstellen.
The End: „Und damit das klar ist, ich respektiere die Bedeutung „Champion“, nicht die Person dahinter. Ich kenne Stella nicht und dementsprechend hat sie sich meinen Respekt auch noch nicht verdient, aber… sie hat sich meiner Herausforderung gestellt und das verdient es zumindest beachtet zu werden. Sie will den Titel… und ich will beweisen, dass ich nicht nur ein World Champion bin, nein, ich will beweisen, dass ich der BESTE Champion bin.“
Es ist kaum zu überhören, wie wichtig sich The End selbst nimmt, als würde er ihr attestieren, dass es für sie nicht nur darum geht den Titel zu gewinnen – was scheinbar außer Frage steht – nein, als würde Stella auch darum kämpfen Ends Respekt zu gewinnen. Als ob sie das interessieren würde.
The End: „Und Monica? Es ist beeindruckend, wie sie sich nach oben gekämpft hat. Und das trotz diverser Niederlagen. Trotzdem hat sie das Ziel niemals aus den Augen verloren und den Moment abgepasst, um nach den Sternen zu greifen. Sie hat sich dieses Match verdient… aber… sie hat es genauso leichtfertig aufs Spiel gesetzt, wie Ask das bei ihr getan hat. Mit dem nötigen Killerinstinkt hätte sie Stella Nova in dem Moment zum Schweigen gebracht, als sie unsere Vertragsunterzeichnung gestört hat. Aber seis drum, ich wiederhole mich gern: mein Aufgabe ist es den Titel zu verteidigen, wer und wie darum kämpft, bleibt jedem selbst überlassen. Monica hat sich ihren Weg also nach oben gearbeitet, um dort oben der bitteren Wahrheit ins Gesicht schauen zu müssen: The End ist die GFCW. Als Champion und als bester Wrestler dieser Liga, zu dem mich ebendieser Titel macht. Was mich… in eine umso prekäre Situation bringt: heute verteidige ich den Titel nicht nur gegen einen Gegner, heute verteidige ich den Titel gegen eine andere Liga.“
Ends Blick bleibt verbissen. Er ist sich seiner Position als Verteidiger der GFCW am heutigen Abend bewusst. Verliert er, dann wechselt der Titel wohlmöglich in die Hände einer externen Wrestlerin, sollte Stella tatsächlich gewinnen. Und selbst Monica könnte den mit in die WFW nehmen. Das kann The End nicht zulassen. Als Champion der Liga darf er nicht verlieren. Als Champion der Liga MUSS er gewinnen.
The End: „GFCW.“
Wieder spricht er die Wrestler an.
The End: „In dieser Position, als Champion, bin ich nicht nur, weil ich der Beste bin. In dieser Position bin ich auch, weil ich weiß, was mit dem Tragen dieses Gürtels einher geht. Eine Verantwortung, die gewaltiger nicht sein könnte. Eine Verantwortung, der nicht einmal ein Ask Skógur standhielt. Und nur, wenn jemand in dieser Position ist, der es kann, kann die GFCW stark sein. Nur, wenn ihr es könnt, könnt ihr Champion werden. Und dafür müsst ihr mich besiegen. Das ist meine Aufgabe als Champion, als Verteidiger der GFCW. Ich werde nicht zulassen, dass jemand, der es nicht wert ist, der nicht fähig ist, in diese Position kommt. Nicht aus der WFW, nicht aus der GFCW. Das ist mein Beitrag dazu die GFCW zur besten zu machen, die es jemals gab. Und eurer ist es gut genug zu sein und danach zu streben, mir diese Position streitig zu machen und sie selbst zu übernehmen. Und solange es niemanden gibt, der dafür in Frage kommt, werde ich diesen Titel niemals aus den Händen geben.“
End driftet etwas ab, so klingen seine Worte viel allgemeingültiger, aber vermutlich ist das durchaus auch so gewollt.
The End: „Das ist meine allgegenwärtige Aufgabe als Champion, heute muss ich aber erstmal dafür sorgen, dass die WFW sich unseren Titel nicht holt. Aber keine Sorge, das wird nicht passieren. Heute besiege ich Stella Nova. Heute besiege ich Monica Shade. Das bin ich der GFCW schuldig. Und danach erwarte ich eure Herausforderung. Das seid ihr mir schuldig. Das seid ihr dem GFCW-World Championship schuldig. Das seid IHR der GFCW schuldig.“
… das seid ihr Robert Breads schuldig… hätte The End wohl noch sagen können, aber dafür ist er dann wohl doch nicht der Typ. Egal, die Aussage bleibt die gleiche. Eine Geburtstagsansprache des Champions, die gleichermaßen Motivator für neue Titelambitionen sein soll. … aber dafür wiederum, muss The End den Titel auch erstmal behalten. Stella Nova und Monica Shade werden eine harte Bewährungsprobe für The End, doch er hat auch schon andere harte Herausforderungen gemeistert. Jetzt jedenfalls verschwindet der Champion wieder in der Dunkelheit, mit einer ganz klaren Aussage. Und so lässt sich nach fünf Jahren eine gewisse Ironie nicht ganz abstreiten. Vor fünf Jahren stand The End hier und hat Anarchie angekündigt. Er wollte die GFCW ins Chaos stürzen. Vom King of Anarchy zum King of GFCW. Heute steht er nun tatsächlich hier als Verteidiger der GFCW. Auf mehr als nur eine Art. Die Anarchie kam also nicht und doch hat The End die GFCW erobert. Jetzt muss er sie heute nur noch verteidigen.
Das Titantron wird schwarz.
Langsam ziehen Nebelschwaden über den Bildschirm. Donner ist zu hören. Ein Blitz durchschlägt den Himmel.
Stimme: „Vor fünfundzwanzig Jahren… begann eine Geschichte.“
Schnittbilder zeigen alte GFCW-Matches, Titelwechsel, jubelnde Fans und legendäre Momente.
Ein Schriftzug erscheint:
25 JAHRE GFCW
Ein weiterer Blitz.
Die Szene wechselt zu einer dunklen Halle. Nebel liegt auf dem Boden. In der Mitte steht ein großer Thron.
Darauf sitzt Odin. Neben ihm stehen Thor, Heimdall, Baldur und der Dark Emperor. Odin erhebt sich langsam.
Odin: „Sterbliche… 25 Jahre GFCW. Eine Liga voller Kämpfer… voller Krieger… voller Narren.“
Thor tritt nach vorne und hebt Mjölnir.
Thor: „Doch nur wenige… waren würdig, gegen Götter zu kämpfen.“
Heimdall verschränkt die Arme.
Heimdall: „Viele kamen.“ Baldur: „Viele gingen.“ Dark Emperor: „Doch die Götter… bleiben.“
Ein Blitz schlägt hinter ihnen ein. Odin hebt die Faust.
Odin: „Die GFCW hat Kriege gesehen.“ Thor: „Schlachten.“ Heimdall: „Legenden.“ Baldur: „Und Verrat.“
Dark Emperor tritt einen Schritt nach vorne.
Dark Emperor: „Und wir… waren ein Teil davon.“
Die Kamera zoomt näher.
Odin: „Darum sprechen wir heute nicht als Feinde.“ Thor: „Nicht als Champions.“ Heimdall: „Nicht als Krieger.“ Baldur: „Sondern als Teil dieser Geschichte.“
Die Musik wird epischer.
Odin: „GFCW…“ Thor: „25 Jahre.“ Heimdall: „25 Jahre Kämpfe.“ Baldur: „25 Jahre Chaos.“ Dark Emperor: „25 Jahre Wrestling.“
Alle zusammen: „Und die Götter von Asgard gratulieren.“
Ein Blitz schlägt ein. Das Bild blendet weiß aus.
Vivian Tolnai: „Wir sind da.“
Sie steht vor einem Hotelzimmer. Sicherheitshalber fischt sie das Blatt Papier heraus, das sie zu Beginn dieser Reise erhalten hat, und schaut noch einmal nach. Dort oben ist eine Adresse aufgeschrieben worden, in fein säuberlicher Handschrift, die von Tolnais Daumen größtenteils verdeckt wird. Darunter steht „Zimmer 706“.
Tolnai hebt den Kopf. Links neben der Tür prangt eine prominente Zahl in silbernen Lettern: sieben, null, sechs.
Höflich, aber bestimmt, klopft sie an.
Es tut sich nichts. Tolnai wippt auf den Ballen ihrer Füße vor und zurück.
Sie hebt wieder die Hand.
Man hört Schritte auf der anderen Seite. Kurz erstarrt Tolnai, dann zieht sie die Hand zurück und verschränkt beide Arme hinter dem Rücken. Tolnai räuspert sich.
Die Tür geht auf.
Dunkle Augen mustern erst Tolnai und huschen dann zur Kamera. Die schwarzen Haare sind kürzer geschnitten als früher. Der Bart ist ein bisschen prominenter. Dennoch könnte man diese Gestalt mit niemandem sonst verwechseln.
Vivian Tolnai: „Aiden, du hast auf keinen unserer Anrufe reagiert. Du weißt ja sicher, dass Robert bald sein letztes Match hat, und es wäre wirklich interessant-“
Aiden Rotari schlägt ihr die Tür vor der Nase zu.
Tolnai seufzt und klopft nochmal.
Keine Reaktion.
Nochmal.
Keine Reaktion.
Ein letztes Mal. Jetzt heftiger und lauter, für mehrere Sekunden.
Keine Reaktion.
Sie beißt sich auf die Unterlippe und lässt für einen Moment die Schultern hängen. Tief durchatmen, dann drückt sie den Rücken durch und blickt mit einer beinahe entschuldigenden Miene direkt in die Kamera.
Vivian Tolnai: „Ich schätze, auch daraus kann man etwas ablesen, wenn man möchte. Es war wohl von vorneherein unwahrscheinlich, dass wir etwas von Aiden zu hören bekommen. Apropos unwahrscheinlich: Wir hätten da noch zwei letzte Clips für euch.“
----- ANTOINE
SCHWANENBURG
Wir befinden uns außerhalb eines typischen Konferenzraums. Genauer gesagt, hinter der Glasfront und der ebenfalls gläserner Tür. Ein schwarzer, länglicher Tisch in der Mitte, um ihn herum stehen 10, vielleicht auch 12 Stühle, wovon jedoch nur ein einziger belegt ist und dessen Rücken wir bloß sehen. Die Stühle sind hellbraune Lederstühle in modernem Look. Am Tischende jedoch steht ein bekanntes Gesicht. Wieder mal in feinster Business-Tracht, einem Tablet in der linken Hand, einen Stylus dafür in der rechten Hand.
Amélie Schwanenburg.
Auch, wenn man sie länger nicht mehr sah, dieses Gesicht vergisst die GFCW Galaxy niemals und es sieht so aus, als würde sie ein munteres Gespräch mit der Person führen, dessen Rücken wir bloß sehen. Der Stylus wird fast wie ein Zauberstab geschwungen, während sich hier und da klares und liebliches Lächeln sich durch die strikte Business-Miene kämpfen kann. Lange dauert es nicht, bis Amélie Augenkontakt mit den Kameras aufnimmt und sie eine Millisekunde später ihren Blick zur ihrer Uhr schnellen lässt. Wenn wir Lippenleser wären, könnten wir jetzt so etwas wie ein „Die Zeit rast wieder“ erahnen, ehe sie ihr Gespräch zum Abschluss zu bringen scheint. Der Reißverschluss der Tablethülle wird geöffnet, das Tablet samt Stylus sicher verstaut, sodass am Ende alles in der Hand- und Aktentaschenhybriden landet. Samt der Tasche bewegt sie sich auch rasch zur Tür um diese zu öffnen. Ein letzter Blick zur Person im Raum.
Amélie: „Viel Spaß.“
Mehr oder weniger freundlich bittet sie das Kamerateam in den Konferenzraum und hält sogar die Tür auf. Das Team nimmt die Einladung natürlich dankend entgegen und mit der letzten Person, die den Raum betritt, verlässt sie diesen und die Kamera positioniert sich gegenüber der Person im Raum, die wir bislang nicht von vorne sehen konnten.
Antoine Schwanenburg.
Der Rekordchampion der GFCW, auch dessen Gesicht vergisst die Galaxy natürlich ebenso wenig und verändert hat sich, zumindest optisch, nichts. Der stramme Bart ist gepflegt wie eh und je und sein sommerlich kariertes Sportsakko zum passenden Hemd, oben natürlich aufgeknöpft, sieht so aus, als hätte er den Begriff Business-Casual quasi erfunden. Wer die Show heute schon ein bisschen verfolgt hat, kann sich gut denken, welchen Job das Kamera-Team hier und heute hat, wenn selbst ein Antoine Schwanenburg sich wieder vor einer GFCW Linse stellt.
Robert Breads.
Der Mann, der heute sein letztes Match bestreitet hat schon von so mancher Legende am heutigen Abend den Bauch nostalgisch gepinselt bekommen und jetzt ist es auch Zeit für den Kaiser ein Requiem anzustimmen, auch wenn er heute dafür kein Piano braucht.
Antoine: „Robert Breads…“
Der Rekord-Champ setzt seine Lesebrille ab, legt diese fein säuberlich und gefaltet auf den Konferenztisch, während sich ein wohliges Lächeln mühselig durch den dichten Bart drücken muss, das aber auch schafft.
Das wohlige Lächeln wird eher zum Süffisantem, das, was wir auch eher mit dem Kaiser verbinden. Aber es bleibt nicht lange so und es schlägt eher wieder zum Wohligem um, während der Bart nachdenklich gestrichen wird.
Antoine: „Title Night 2011. Fast 15 Jahre ist es her, dass wir die größte Show des Jahres mit den Worten ‚Robert Breads vs Antoine Schwanenburg SOON TO COME’ beendet haben. Doch obwohl wir bereits vor 15 Jahren wussten, dass es eines der größten Matches, welches wir in der GFCW hätten auffahren können, ist es schließlich und schlussendlich nie etwas geworden. Niemals standen wir uns ordentlich und auf der großen Bühne gegenüber im Ring.“
Kurz wandert der Blick nach unten und leicht nachdenklich positioniert er seine Lesebrille akkurat.
Antoine: „Auf der einen Seite ist es natürlich ausgesprochen bedauerlich, aber auf der anderen Seite wiederum auch nicht. Damals, wenn wir dort auf größter Bühne auf unterschiedlichen Seiten des Rings gewesen wäre, hätte es großes Potential für eine Implosion geben können. Unsere jungen Egos hätten wahrscheinlich keine Niederlage gegen den jeweils anderen vertragen können und dann würde ich heute nicht hier sitzen können. Entweder, weil ich zu irrelevant gewesen wäre, um einen Abgesang auf den großartigen Robert Breads zu halten, oder weil er es danach niemals auf den Mount Rushmore des Wrestlings geschafft hätte.“
Wieder einmal leichtes Zucken der Lippenwinkel.
Antoine: „Wahrscheinlich ersteres.“
Aber die ernstere Mine wird dann wieder aufgesetzt.
Antoine: „Damals, als unsere beiden Karrieren noch so frisch waren, wie sie nur sein konnten, habe ich schnell gelernt, dass ich jemanden nicht leiden können muss, um dessen Leistung im Ring wirklich zu respektieren, mich daran auch zu orientieren, um besser zu werden. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, um ähnliche Leistungen zu erreichen und ich habe es und ihn gehasst. Denn während ich Tag und Nacht schwitzen musste, flog ihm es alles zu, ohne dass er auch nur einen Finger dafür rühren musste.“
Erneut streicht er sich durch den Bart, als ob er sich selbst darauf vorbereiten müsse, etwas einzugestehen.
Antoine: „Locker ein Jahrzehnt später lernte ich erst, dass es nicht so ist, sondern dass es nur so wirkt. Dass er härter arbeitet, als jeder andere, den ich je gesehen habe und wahrscheinlich auch jemals sehen werde. Dass mein aufopferndes Training mich ihn niemals hätten überflügeln können, sondern höchstens den Abstand auf gleichem Niveau zu halten. Sicherlich habe ich auf dem Weg links und rechts neben mir dutzende und dutzende andere Wrestler hinter mich gelassen, aber gesehen habe ich es damals nicht, weil es mich nicht interessiert hat. Einzig allein die Crème de la Crème war für mich relevant und genau das war Robert Breads.“
Der Blick geht kurz raus aus dem Fenster und für eine Sekunde herrscht Stille.
Antoine: „Und auch wenn es schön gewesen wäre, hier und heute über unseren größten und besten Matches zu reminiszieren, Titelkämpfe und Title Night Main Events… am Ende zeigt das, was Robert Breads und Antoine Schwanenburg niemals hatten, besser, wie großartig seine Karriere war, als jedes Aufeinandertreffen es je gekonnt hätte. Es bedarf nämlich genau das: einen großartigen Wrestler, um einen Einfluss und eine Aura zu kreieren, für die es keinen direkten Kampf benötigt, um trotzdem Relevanz zu haben.“
Ein leichtes Zurücklehnen in den modernen Sessel, ehe die Kamera wieder fokussiert wird.
Dazu gibt es ein bestätigendes Nicken.
Antoine: „Robert… Freunde waren wir nie, werden wir wahrscheinlich auch niemals werden. Aber der Respekt ist und war immer immens. Auch wenn Wrestler chronisch immer und immer wieder aus dem Ruhestand zurückkehren.“
Das winzige Lächeln schleicht sich wieder durch die Gesichtsbehaarung.
Antoine: „Beweisstück A.“
Dann sogar ein hörbares Lachen, das hat Seltenheitscharakter für den Kaiser.
Antoine: „So wünsche ich dir einen fantastischen, letzten, großen Abend und auf dass dein Lebensabend wenigstens halb so großartig sein wird, wie deine Karriere.“
Antoine zieht seinen imaginären Hut und nickt bestätigend in die Kamera, ehe er sich langsam vom Stuhl erhebt und die Kamera langsam ausfadet.
----- DEAN
WELKEY
Zwei künstliche Palmen säumen den Blick auf einen Indoor-Pool, dessen hochgeheiztes Wasser Winterwetter und Klimawandel gleichermaßen einen Mittelfinger zeigt. Am Rand des Pools sitzt ein Mann im Bademantel, seine Zehenspitze zieht Kreise im Blau.
Es ist mehr als ein Jahrzehnt her, dass er gesehen wurde. Spricht man davon, Wrestler würden nicht den Absprung schaffen, so tritt er den Gegenbeweis an. Er hat sein Hoch gehabt und gutes Geld gemacht. Danach konnte ihn das Wrestling-Business einmal.
Aus dem einstigen Schönling mit langer Mähne ist ein Herr im mittleren Alter geworden, die Haare sind kurz, das Gesicht ist voller, die Geheimratsecken lassen sich nicht mehr zu verbergen. Beim Blick auf sein unverkennbares, herablassendes Grinsen jedoch, da fühlt man sich als langjähriger Zuschauer, als würde man eine Zeitreise in die Vergangenheit der GFCW unternehmen. In eine Zeit des Umbruchs, die von einem Youngster zu einem der schnellsten Aufstiege der Geschichte genutzt wurde.
Der Mann ist Dean Welkey.
"Ich bin der Allergeilste."
Er schmunzelt und feuchtet seine Lippen mit der Zunge an. Wer sich gefragt hat, ob ihm die Jahre die Arroganz der Jugend ausgetrieben haben, hat seine Antwort.
"Nachdem das gesagt wäre, kann ich neutraler über Robert Breads sprechen."
Er zieht die Beine aus dem Wasser und überschlägt sie. Dreht seinen Körper in einen anderen Winkel zur Kamera. Das offizielle Team, das für dieses Interview geschickt wurde, hat sicherlich gehofft, dass Talking Head-Format mit weniger Bewegung durchziehen zu können.
"Wir alle erinnern uns sicher an das Jahr 2012, denn niemand, der nach 2012 geboren wurde, interessiert sich für den Rücktritt von Robert Breads und sieht dieses Video. Damals kamen ich und ein anderer in die Liga und wir riefen eine neue Ära des Wrestlings aus. Die Zeit des Swags."
In der er als selbst ernannter Swagmaster Eric Fletcher um den GFCW Heavyweight Title erleichterte. Und das, als er Teil einer Gruppierung war, die von einem heiligen Fasan, dem früheren Vizepräsidenten der GFCW, angeführt wurde. Wilde Zeiten.
"Aber was genau bedeutet es eigentlich, eine neue Ära auszurufen? Nun, dass man alle, die vor dir kamen, für aus der Zeit gefallen erklärt. Für meine Ära trifft das auf Robert zu, der ziemlich genau ein Jahr vor mir noch das große Ding war. Er war damals noch nicht alt, aber ich und ein paar andere haben doch tatsächlich gedacht, er wäre nicht mehr am Puls der neuen Zeit. Nun... ein paar Jahre später gewann er die höchsten Titel in zwei Ligen. Anderthalb Jahrzehnte später sitze ich hier im Ruhestand und Robert ist noch immer da."
Welkey bereitet die Arme aus und wedelt mit den Händen. Es ist eine Einladung, sich in seiner offenbar nicht allzu schlechten Lebenssituation umzuschauen. Man tut ihm den Gefallen nicht, die Kamera bleibt stur auf dem Gesicht hängen.
"Wieder einmal könnte man meinen, er wäre nicht mehr aktuell. Und doch hätte die GFCW in den letzten Jahren nicht ohne ihn funktioniert. Herzlichen Glückwunsch, du hast offenbar etwas richtig gemacht."
So wie er es sagt, ist es mehr eine neutrale Feststellung als ein Kompliment. Der Amerikaner zuckt mit den Schultern.
"Entschuldigt, ich sollte mehr von mir reden, man will sich ja treu bleiben. Ich habe mal gegen Robert einen ganz besonderen Kampf bestritten. Die Regeln waren, dass keiner von uns beiden wusste, wie man diesen Kampf gewinnt. Wir haben versucht uns zu pinnen, uns zur Aufgabe zu zwingen oder auszählen zu lassen. Nichts davon war die Lösung. Ich habe damals einen ganzen Tag lang nach einer Antwort gesucht."
Was die Lösung war, enthält Dean dem Teil des Publikums, der sich nicht mehr erinnert. Man möchte sich ja nicht zu beliebt machen.
"Ebenso lange habe ich jetzt überlegt, was eigentlich die Zutat von Robert ist, die ihn zu einem Evergreen macht. Ich habe sie nicht gefunden."
Beiläufiges Abwinken.
"Das bedeutet wohl, dass er etwas sehr Einzigartiges und Spezielles an sich hat. Robert Breads gibt es nur einmal. Ob das eine gute Sache ist, sollen andere beurteilen."
Er klatscht in die Hände und stemmt sich auf. Wieder einmal hat das Kamerateam Probleme, mit dem undisziplinierten Mann und seiner Bewegung mitzuhalten.
"Du hast lange durchgehalten, mein Sicher-nicht-Freund. Doch nun ist es an der Zeit, nach Hause zu gehen, fett zu werden und dir verdammt nochmal endlich die Haare zu färben."
Er klatscht in die Hände, als Zeichen des Aufbruchs. Als wolle er sagen, er habe nun wirklich genügend Zeit für diese Thematik verausgabt, habe nun aber andere Dinge zu tun.
"Robert, es ist offiziell: Du bist ein Has-Been. Aber du wirst merken, dass es sich ziemlich gut als einer leben lässt. Ich bin auch einer."
MacMüll steht in den Katakomben mit einem, der heute nur Zaungast war. Dennoch war er Zeuge etwas Monumentales. Zereo Killer und Morbeus sind neue GFCW World Tag Team Champions. Kyle Douglas begleitete sie. Nun steht er bei MacMüll und schaut sehr eindringlich in die Kamera. Also ob er ein „Chip on his shoulder“ hätte…
MacMüll: „Kyle, Sie sind noch hier? Feiern sie nicht mit ihrem Vater und MacKenzie den Titelerfolg?“ Kyle: „Doch, Mac. Ich habe beiden gratuliert. Das war ein großartiges Match. Aber der springende Punkt ist, ICH bin heute Abend nicht zum zweiten Mal Champion geworden. Die Verletzung hat mich abermals zurückgeworfen.“ MacMüll: „Daher nun auch die Frage: Was machen sie jetzt? Douglas Dynasty wird wohl kaum wieder aktiviert, wenn Zerbeus die Titel halten?!“ Kyle: „Manchmal ist das Schicksal grausam und manchmal sind schlimme Dinge der Anfang von etwas ganz Wunderbarem. Die Ärzte haben mich freigegeben. Ich kann wieder wrestlen und bin topfit. Ich habe mit Ray schon gesprochen und er legt mir natürlich keine Steine in den Weg. Ganz im Gegenteil. Er supportet mich in meinem Weg. Meine Karriere als Tag Team Wrestler wird erstmal ad acta gelegt. Ich will angreifen. ALLEIN!“ MacMüll: „Markige Worte. Was ist denn ihr Ziel?“ Kyle: „Ich bin noch immer nicht gepinnt worden. Keiner hat es bisher geschafft. Nun ist mein Turn. Nicht immer die anderen. ICH. Ich bin dran. Und ich werde mich die Rankings hoch arbeiten. Da wo ich schon mal war, da will ich wieder hin. Rotari, Breads, Drake. Alle habe ich sie geschlagen. Ich will um Titel kämpfen! Auch wenn ich dafür mich hinten anstellen muss. Ich bin bereit! Und wenn die Feierlichkeiten beendet sind und eine neue Ära der GFCW eingeläutet wird, dann wird KYLE DOUGLAS ganz vorne dabei sein!“
Der junge Kanadier scheint extrem fokussiert. Das Zweifeln vergangener Tage und auch in gewisserweise die Eigenannahme der Opferrolle scheint passé. Eine Kampfansage an die GFCW, aber auch in gewisser Weise an sich selbst.
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